Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Graf Camillo Cavour und die Juden
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 658 (sequence 16)
- Language
- German
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658 Im deutschen Reich. duldet ist. Trotzdem ist es in Italien nie jemandem eingefallen, daraus die Folgerung zu ziehen, dast ein Protestant oder Jude nicht jede Beamtenstellung bekleiden oder gar Minister werden könnte! Am letzten Tage des Jahres 1829 geboren, mußte Artom seine juristischen Studien auf der toskanischen Universität Pisa beginnen, weil ihm als Juden die Landesuniversität Turin verschlossen war. Als ihm die Gleichstellung der Juden im Jahre 1848 dies ermöglichte, setzte er hier seine Studien fort, glaubte sie aber in seiner übergroßen Bescheidenheit erst 1853 zum Abschluß bringen zu dürfen. Auf Rat seines Universitätsfreundes, des späteren Botschafters Konstantin Nigra, nahm er 1855 an einem Wettbewerb für mehrere Bolontärstellen im Ministerium des Aeußeren teil. Unter den Papieren, die man hierfür einzureichen Hatte, war weder .Taufzeugnis noch Adelsdiplom notwendig. Vielmehr entschied das Wissen bei der Prüfung, in welcher sich Artom vor allen Mitbewerbern auszeichnete, und so wurde ihm eine Volontürstelle zuteil. Einige Breitengrade weiter nördlich hätte man, um ihn von der diplomatischen Karriere ausschließen zu können, schon allein sein kleines und schwächliches Aeußere zum Vorwand genommen! Im Jahre darauf zum Assistenten vierter Klasse ernannt, fehlte es ihm nicht an Gelegenheit, sich durch seine Tüchtigkeit dem Ministerpräsidenten Cavour bemerkbar zu machen. Als dann 1859 Nigra, der bis dahin Privatsekretür Cavours gewesen, eine Mission im Ausland erhielt, empfahl er zum Nachfolger Artom. Vorher sollte er aber .noch vor Cavour und dem Generäl Tabormida eine praktische Probe seines Könnens ablegen. Und — o Ironie des Schicksals! — womit wurde wohl der jüdische junge Mann betraut? Er-mußte in ihrer Gegenwart und in wenigen Minuten, abgesehen von der Anfertigung einer diplomatischen Note, einen Artikel der Kreuzzeitung ins Italienische übersetzen!^) ■ Was hätte übrigens dieses *) Diese Tatsache allein beweist zur Genüge, daß der Offiziosus, welcher in der Nummer vom 24. Februar 1900 der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" einen Nachruf an Artom veröffentlichte, zum mindesten stark übertrieb, wenn er behauptete, er habe ihm, als er 1865 als italienischer Bevollmächtigter am Pariser Hole weilte, deutschen Unterricht erteilt. In dem sonst warm gehaltenen Nachruf ist natürlich, um im stramm konservativen Leserkreise keinen Anstoß zu erregen, verschwiegen, daß Artom Jude war und als solcher starb.