Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Graf Camillo Cavour und die Juden
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 653 (sequence 11)
- Language
- German
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Graf Camillo Cavour und die Juden. 653 Und in seiner Antwort vom 13. Juni 1860 auf einen ungezogenen Brief des Erzbischofs von Chamberh redet Cavour von der „klerikalen Partei, welche die Toleranz predigt, sobald sie nicht die Grundsätze zur Anwendung zu bringen vermag, nach welchen das Kind Mortara seinen Eltern geraubt ist, und die Ehegatten Madiai aus ihrem Vaterlande verbannt worden sind/' Bekannt, weil schon mehrfach gedruckt, ist auch der schöne Brief Cavours an die Alliance Jsraelite vom 3. Oktober 1860, worin er dem Vater seine Unterstützung zur Wiedererlangung des Kindes verspricht. Wenn schon aus dem bisher Gesagten ersichtlich ist, daß seit der Einigung Italiens die Juden, weit davon entfernt durch Zurücksetzung seitens der Regierung in die Reihen der äußersten Opposition gedrängt zu werden, sich ihrer großen Mehrheit nach zur gemäßigt-liberalen Partei hielten und auch heute noch halten, so wird der folgende Einblick in den Lebensgang mehrerer hervorragender italienischer Juden unsere Behauptung erhärten, daß gerade eines der Hauptverdienste des Grafen Cavour um sein Vaterland darin besteht, den Juden jede Betätigung am öffentlichen Leben erleichtert und sie dadurch zu regierungsfreundlichen Elementen gemacht zu haben. Das zeigte sich schon recht deutlich bei der Wahl zur Deputiertenkammer, welche am 8. Dezember 1853 im ersten Turiner Wahlkreise stattfand. Dort war Cavour, damals bereits Ministerpräsident, dem reaktionären Grafen Costa della Torre als Kandidat gegenübergestellt. Cavours Wahl galt als bedroht. Da bot der ihm befreundete Marguis Roberto T/Azeglio, welcher im Ghetto Turins große Popularität genoß, da er sich 1847 zum argen Verdruß der Reaktionäre energisch für die Judenemanzipation ins Zeug gelegt hatte, seinen ganzen Einfluß für die Wahl des Ministerpräsidenten auf. Der Erfolg blieb nicht aus, der Rabbiner in eigener Person leitete die Wahlhandlung, und Cavour wurde mit erdrückender Majorität gewählt. Ungefähr in derselben Zeit wurde ein Sohn des Turiner Ghettos sein Vertrauter, der ein Vierteljahrhundert hindurch, auch unter späteren Ministerpräsidenten, den größten Einfluß aus die öffentliche Meinung in Italien behaupten sollte, Giacomo Dina (1824—79), der Leiter des bedeutendsten Organs der gemäßigt-liberalen Partei, der „Opinioue". Fest