Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Graf Camillo Cavour und die Juden
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 649 (sequence 7)
- Language
- German
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Graf Camillo Cavour und die Juden. 649 soweit, daß er sich ihren Finanzmännern gegenüber auf einen andern Standpunkt als den des ausschließlichen Staatsinteresses gestellt hätte. Sein erstes Ziel, nach welchem er, kaum zum Finanzminister ernannt, strebte, war es, den Staatsschatz aus der abhängigen Stellung herauszuziehen, in welche er durch die bei Rothschild zur Bezahlung der Kriegsschuld an Oesterreich 1849—50 aufgenommenen Anleihen und durch weitere große Vorschüsse, die ihm dieses Haus geliefert hatte, geraten war. Der Versuch, im Jahre 1851 eine Anleihe bei einem Konkurrenzhause der Rothschilds, Hambro in London, aufzunehmen, glückte dem neuen Finanzminister trotz des Preß- und Börsenkrieges, welchen die Rothschilds gegen diese Operation geführt hatten. Bezeichnend für das zeitweilig vertrauliche Verhältnis zwischen dem Baron James und dem Grafen Cavour ist der Brief dieses vom 29. Dezember 1854, in dem er ihn um Rat bittet, wie er die zur Auszahlung der nächsten Semesterrate nötigen Fonds in möglichst wenig drückender Weise für den sardinischen Schatz nach Paris gelangen lassen könne: „Es ist nicht das Geld, welches mir fehlt, es sind die schwer aufzutreibenden Mittel, um Ihnen die Fonds zukommen zu lassen.... Antworten Sie mir, bitte, so schnell wie möglich, und indem Sie mir Ihren Rat erteilen, werden Sie sich einen neuen Titel aus meine Dankbarkeit und Erkenntlichkeit erwerben." Wohl in keiner Zeit seines Lebens dürfte Cavour so viel Gelegenheit gefunden haben, mit jüdischen Finanzmänneru zusammenzutreffen, als nach dem Krimkrieg im Frühjahr 1856, während er das Königreich Sardinien auf dem Pariser Kongresse vertrat. Sein Freund, der Marquis Massimo D'Azeglio, charakterisierte ihn damals als „Finanz-, Börsen- und Eisenbahnmann". Und tatsächlich verhandelte er inmitten der schwierigsten diplomatischen Unterredungen mit Rothschild über eine bedeutende Tabakslieferung, über §ie es aber zu keinem Abschluß kam. Wie weit damals Cavours Vertrauen auf Rothschilds Zuverlässigkeit ging, zeigt folgender Satz eines Briefes an Santa Rosa: „Ich billige vollkommen Ihre Haltung Rothschild gegenüber. Für die Ankäufe können Sie ihm freie Hand lassen; er wird keinen Mißbrauch damit treiben."