Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Graf Camillo Cavour und die Juden
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 648 (sequence 6)
- Language
- German
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648 Im deutschen Reich. schen Regierung brachte. Julius Avigdor war im Februar 1854 von seiner Vaterstadt Nizza (damals noch zum Königreich Sardinien gehörig) ins Parlament gewählt worden, das erstemal, daß einem Juden Nizzas diese Ehre zuteil wurde. Da er aber preußischer Konsul war, mußte seine Wahl sür ungültig erklärt werden. Daraufhin legte er das Ehrenamt als Konsul nieder und wurde mit erdrückender Majorität wiedergewählt. Nun bemühte sich der jüngere Bruder, Septimius Avigdor, um die Stelle des preußischen Konsulats in Nizza, die ihm auch halb und halb in Aussicht gestellt wurde. Man war aber in Preußen in der Aera Manteuffel und wollte statt des Juden Avigdor lieber einen Herrn ernennen, der gleichzeitig protestantische Propaganda trieb. Auf Ersuchen der Gebrüder Avigdor bemühte sich Cavour, damals Ministerpräsident, nicht nur beim preußischen Gesandten in Turin, von Kanitz, sondern ließ auch im September desselben Jahres durch den Minister des Aeußeren an den Vertreter Sardiniens in Berlin Instruktionen ergehen, damit Septimius Avigdor die ersehnte Ehrenstelle erhalte. Charakteristisch erscheint in dieser Angelegenheit nicht nur die humane Haltung des italienischen Ministerpräsidenten, sondern auch das beklagenswerte Bemühen eines Juden, von einer reaktionären Regierung eine Ehrung zu erhaschen. Von anderen jüdischen Geldmännern, welche in der Politik Cavours eine Rolle gespielt haben, seien hervorgehoben Weill-Weiß, in Florenz D'Anconä, in Paris Fould, Pereire und vor allem die Rothschilds. lieber die Beziehungen zu letzteren liegt ein überreiches Material vor. Doch wird es für unseren Zweck genügen, auf einige Hauptpunkte hinzuweisen. Nachdem Cavour, damals noch einfacher Privatmann, im August 1837 bei einem Diner im Häufe der Marquise Brignole zu Paris mit dem Baron James Rothschild zusammengetroffen war, setzte er diese Bekanntschaft bei einem späteren Aufenthalt in Paris 1842—43 fort. Wie es scheint, hat James Rothschild bei mehr als einer Gelegenheit in dem gewandten piemontesifchen Staatsmann, welcher sich schon in seiner Jugend durch sein mathematisches Talent ausgezeichnet hatte, seinen Meister gefunden: Seine Vorliebe für die Juden ging doch nie