Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1910)
- Article
- Judentaufen
- Date
- 1910-07-01
- Page
- 528 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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528 Im deutschen Reich. nehmung, daß in gewissen Kreisen unserer Glaubensgenossen in neuester Zeit der Abfall und der Uebertritt zur herrschenden Kirche, die Wahrnehmung, daß die Judentaufen, besonders auch die Taufen der Kinder, in starkem Maße zugenommen haben und noch zunehmen, nicht nur mit Schmerz, sondern auch mit starker sittlicher Entrüstung erfüllen. (Lebhafter Beifall.) Diese betrübende Wahrnehmung veranlaßt uns, aufs neue den alten Klageruf anzustimmen, den einst vor Jahrtausenden unser Prophet Jeremias im Namen des Judentums erhoben hat: „Mich verlassen sie, die unversiegbare Quelle lebendigen Wassers, um sich Gruben zu hauen, brüchige Gruben." Sie verlassen das Judentum, das in feiner mehrtausendjährigen Geschichte külturschöpferisch und kulmrfördernd gewirkt, sie verlassen das Judentum, das die Kulturen der zivilisierten Völker alter und neuer Zeit sich assimiliert, dabei aber in bewunderungswürdiger Weise sich seine religiöse Eigenart bewahrt hat; sie verlassen das Judentum in unserer Zeit, da durch Forschungen auf dem Gebiete der Religionswissenschaft, der Religionsgeschichte und der Religionsphilosophie, immer überzeugender der Nachweis geführt wird, daß, was, abgesehen von dem dogmatischen Lehrinhalte, an den Lehren der herrschenden Kirche dauernden Wert behält, Fleisch vom Fleische und Geist vom Geiste des Judentums ist (lebhafter Beifall), daß ein dogmensreies Christentum, wie einer unserer jüngeren Theologen unter Zustimmung christlicher Theologentreffend dargetan hat, eine Rückkehr zum geläuterten prophetischen Judentum ist. (Erneuter lebhafter Beifall.) Sie verlassen das Judentum in unserem vom sozialen Geiste beherrschten Zeitalter, in dem die sozialen Ideen und Institutionen des Mosaismus wahre Triumphe feiern; sie verlassen das Judentum in einer 'Zeit, da die erleuchteten Geister aller zivilisierten Völker sich zu einer Friedensliga zusammenschließen, um eine allmähliche Annäherung an das vor Jahrtausenden von unseren Propheten verheißene Ideal des Völkerfriedens anzuftreben. 'Und welcher Art sind die Motive, die zu diesem Abfall, zu diesem Uebertritt veranlassen? Die Fälle, in denen dabei von einer ehrlichen inneren Ueberzeugung die Rede sein kann, sind, wenn sie überhaupt noch Vorkommen, so vereinzelt, daß