Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1910)
- Article
- Judentaufen
- Date
- 1910-07-01
- Page
- 520 (sequence 36)
- Language
- German
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520 Im deutschen Reich. Ja in einer Hinsicht ist ihr Vergehen noch größer, denn während bei früheren Gelegenheiten die Sorge um das angebliche Seelenheil die Veranlassung gab, ist jetzt bei den Eltern in den weitaus meisten Fällen der Beweggrund, daß die Kinder die Prämie holen, die der Staat auf Abfall und Verrat gesetzt hat. Ihre Söhne sollen Karriere machen, ordentliche Professoren, Geheimräte, ja sogar Reserve-Leutnants werden, ihre Töchter betitelte Herren, ja mit schwerem Gelde selbst Barone kaufen, obgleich allerdings nur zu oft sie mit einem anderen Getauften vorlieb nehmen müssen, um sich dann gegenseitig zu versichern, wie wenig ausgiebig die Taufe.war. Ueberschreiten die Eltern — ich frage jeden billig denkenden Menschen — nicht in strafbarster Weise ihre Befugnis, wenn sie ihre unmündigen Kinder dem angestammten Glauben entreißen und ihnen die Wege bestimmen, auf denen sie dann für immer wandeln müssen? Kommt es ihnen nicht zu, ihre Söhne und Töchter in dem überlieferten Glauben aüfzuziehen, selbst wenn sie keinen Glauben haben? Laßt ihnen doch, wenn sie erst selbst urteilsreif find, die Wahl, der ihr in eurer falschen und so oft verderbenbringenden Liebe vorgreifen wollt. Was müssen denn die Kinder, wenn sie in der christlichen Lehre erzogen sind und von dem Erlöser und der Erlösung hören, von den Eltern denken, die im „Ketzerglauben" verharren? Müssen sie sich nicht fragen, aus welchen Gründen sind sie Juden geblieben und haben mich als Christen erziehen lassen? Sind sie in ihrem Glauben aus Ueberzeugung geblieben, dann haben sie gegen micht gefrevelt; hielten aber die Eltern den neuen Glauben für den richtigen, dann haben sie an ihrer eigenen Seele gesündigt. Haben aber die Eltern gar keine Ueberzeugung, weshalb verhindern sie mich, daß ich der meinen folge, und machen mich zum Spielball ihrer eitlen Wünsche? Und wenn die Kinder vom christlichen Unterricht in ihre Häuslichkeit zurückkehren, trägt diese irgendwie ein christliches Gepräge? Sie sehen dort nur Juden, teils ungetaufte, teils Juden mit Taufe, bei denen diese nur zu oft ein Passepartout ist, mit dem sie überall Eingang suchen. Ich sehe von den rein christlichen Dekorationsstücken ab.