Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1910)
- Article
- Judentaufen
- Date
- 1910-07-01
- Page
- 502 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Iw deutschen Reich. Die Angaben über das Alter der in Wien Getauften bestätigen diese Vermutung. Wir alle wissen, wie schwer die Konflikte des Herzens sind, wir alle haben Mitleid mit den zwischen Liebe und Pflicht kämpfenden Seelen, aber alle diese Empfindungen ändern nichts daran, daß jede Taufe ohne innere Ueberzeugung mit dem Makel der Unwahrhastigkeit belastet ist. Das Bündnis der Liebe ist getrübt, wenn es durch Untreue und Unwahrhaftigkeit errungen wird. Gewiß, elementar sind die Wirkungen von Hunger und Liebe, aber ebenso gewiß ist es, daß über die Ehe ein düsterer Schatten ausgebreitet ist, wenn erst Gesinnungslosigkeit zum Traualtar führt, und ebenso gewiß ist es, daß das Stück Brot einen sehr bitteren Beigeschmack hat, wenn es auf Kosten der Ueberzeugung erworben wird. Der Zweck heiligt nicht die Mittel; Gesinnungslosigkeit bleibt stets Gesinnungslosigkeit. Der Arzt darf den Anblick einer Krankheit nicht scheuen, wenn diese auch noch so garstig ist; auch wir, die wir eine Seelenkrankheit ergründen wollen, müssen auf jedes Symptom derselben achten, wenn dieses uns auch noch so sehr anwidert. Steigen wir weiter hinab in das seelische Getriebe der'Täuflinge. Wir haben uns jetzt mit den Täuflingen zu beschäftigen, die in unserer Zeit am meisten vertreten sind und uns am meisten erregen. Hunger und Liebe sind Gewalten, die oft zu Taten führen, die wir verurteilen müssen; Eitelkeit und Ehrgeiz sind Triebfedern, die das Gefühl der Entrüstung noch stärker in uns auslösen müssen. Den: Götzen der Eitelkeit und des Ehrgeizes seine Ueberzeugung opfern, heißt das bessere Ich verleugnen. Wenn von unfern Ahnen Opfer für den Glauben gebracht wurden, so war oft das Leben das Opfer, das erbarmungslos gefordert und heldenmütig dargebracht wurde. Unsere Ahnen wollten lieber ehrenhaft sterben als die Treue brechen. Heute können in Kulturländern solche Opfer auch von den wütendsten Judenfeinden nicht verlangt werden, heute handelt es sich oft nur um Verzichtleistung auf äußere Ehren und amtliche Würden. Wir sollen bis zum letzten Atemzuge für unsere Gleichberechtigung kämpfen; aber kämpfen müssen wir und nicht uns selbst preisgeben, wenn uns Unrecht geschieht. Wer vom Judentum sich lossagt, nur um ein höheres Amt zu erhalten, der versündigt sich gegen Grundsätze, ohne die ein anständiger