Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1910)
- Article
- Judentaufen
- Date
- 1910-07-01
- Page
- 501 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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JudenLaufen. 501 nur auf diejenigen möchte ich Hinweisen, die wirklich in ihrer Eigenschaft als Juden darben und leiden. Man braucht nicht erst den Blick nach den östlichen Ländern zu richten, um zu sehen, in welch verzweifelte Lage Menschen nur deswegen gebracht werden, weil sie' Juden sind und Juden bleiben wollen; wie oft muß diese demütigende Wahrnehmung auch in anderen Ländern gemacht werden. Lassen Sie mich nur ein Beispiel aus meiner amtlichen Praxis anführen. Ein nach München erngewanderter Familienvater, ver nach vielen vergeblichen Bemühungen endlich seine Existenz begründen konnte, erklärte vor mir seinen Austritt aus dem Judentum und seine Absicht, sich taufen zu lassen. Natürlich bemühte ich mich nach Kräften-, ihn von diesem Schritte abzuhalten. Meine Bemühungen blieben fruchtlos. Seine Existenz — so meinte der zur Taufe Gerüstete ,— verlange es, daß er Christ werde. Wenn in seinen Kreisen bekannt würde, daß er Jude sei, könnte er sein Brot verlieren. Er, Frau und Kinder würden dann am Hungertuche nagen müssen. Meine Anerbietungen, mich für ihn um eine andre Stellung zu bemühen, lehnte er mit der Begründung ab, daß er schon zu viel traurige Erfahrungen gemacht habe, daß er müde des Kampfes sei und nicht mehr einem zweifelhaften Schicksal entgegengehen wolle. Gewiß haben diese in Verzweiflung gesprochenen Worte eine erschütternde Wirkung. Aber wer wollte nicht bei allem Mitleid ein solches Verhalten vom sittlichen Standpunkt aus als Zeichen der Schwäche verurteilen. Man darf'im Kampfe nicht müde werden, wenn die Ehre auf dem Spiele steht. Unsere Väter haben Jahrhunderte als Märtyrer gelitten und sind nicht müde geworden. Der überzeugungslose Täufling hat eine Handlung begangen, wegen der er erröten muß. Wer kennt nicht die andere Macht, die Leidenschaft der Liebe, die oft stärker ist als der Wille zum Leben, die oft so elementar wirkt, daß sie die Stimme des Gewissens zum Schweigen bringt. Ja, oft siegt die Liebe zum Weibe, unterliegt die Liebe zur Wahrheit. Wenn in der Gegenwart die verhältnismäßig größte Anzahl von Taufen in Wien zu verzeichnen ist, — über 600 im Fahre — so hat diese traurige Tatsache ihren Grund darin, daß dort erst durch den Uebertrirt die Eheschließung zwischen Christen ltnb Juden ermöglicht wird.