Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1910)
- Article
- Judentaufen
- Date
- 1910-07-01
- Page
- 492 (sequence 8)
- Language
- German
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492 Im deutschen Reich. Bor ungefähr 30 Jahren erwachte in Deutschland die judenfeindliche Bewegung von neuem aus ihrem Scheintode, von neuern erhoben sich Rassen- und Massenhasz. In dieser schweren Zeit scharten sich die Edlen mit Innigkeit um die alte Fahne, die Feigen ergriffen die Flucht. Das Verhängnis hatte seine Gnade. Eine Gnade war es,, daß in dieser sturmbewegten Zeit die Starken stärker, die Guten besser und die Gläubigen frömmer wurden; eine Gnade war es, daß damals so viele, die dem Judentum entfremdet waren, sich auf dasselbe wiederum besannen. Ein Verhängnis war es, daß die Schwachen noch schwächer und viele Trüge ganz müde wurden. Viele Blätter sind damals vom Stamme des Judentums abgesallen; aber es waren nur kraft- und saftlose Blätter, die so leicht absallen. Für die beiden erwähnten Taufperioden wird als Durchschnittszahl der getauften Juden sieben, resv. fünf von zehntausend angegeben. Wenn diese Zahl richtig wäre, so würde sie zu Befürchtungen keinen genügenden Anlaß geben, obwohl sie an sich auch noch beschämend ist. Die Berliner jüdische Gemeinde zählt jetzt über 120000 Seelen; es würde hiernach der durchschnittliche jährliche Tausertrag, wenn ich dieses drastische Wort gebrauchen darf, ungefähr 60 betragen. Aber die Zahl der in Berlin Getauften ist in Wirklichkeit viel größer; in Großgemeinden ist der Prozentsatz der Täuflinge aus den bereits angeführten Gründen unverhältnismäßig hoch. Hierzu kommt noch, daß die Taufen, die jüdische Eltern an ihren Kindern gleich nach der Geburt vornehmen lassen, auch in Großgemeinden am häufigsten Vorkommen und nicht mitgezählt werden können, da. genaue statistische Angaben hierüber fehlen. Diese Kindertausen sind am schwersten zu verurteilen. Die Eltern wollen nicht Christen werden, weil sie einen Uebertritt für verwerflich halten; aber die unmündigen Kinder führen sie einer Religion zu, der sie im Innern fremd gegenüberstehen. Das ist — wir kommen darauf noch zurück — der bitterste Tropfen in dem Wermutskelch, der uns heute gereicht wird. Was bedeutet die Taufe? Dem gläubigen Christen ist sie ein heiliges Mysterium, in dem er Frieden sucht. Die Taufe wäscht gleichsam die Erbsünde ab, sie erlöst den Menschen von dieser Erbschuld; sie ist das christliche Symbol für den