Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1910)
- Article
- Judentaufen
- Date
- 1910-07-01
- Page
- 490 (sequence 6)
- Language
- German
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490 Im deutschen Reich wir verdammen, oft als verzeihliche Nachgiebigkeit beurteilt, entschuldigt und sogar zuweilen gebilligt wird. Meine geehrten Damen und Herren! Ist denn die Taufgefahr wirklich so groß? Die Statistik hat eine „wächserne Nase", die sich nach Belieben drehen läßt. Wir dürfen nicht so weit gehen, der Statistik auf unserem Gebiete jede Beweiskraft abzustreiten, aber wir müssen ihre Resultate mit Vorsicht und Verständnis anwenden: sie kann allein-kein klares und wahres Bild über das geben, was uns jetzt beschäftigt, und kann uns keine sicheren Resultate über den Umfang der Judentaufen darbieten. Manche Juden bemühen sich, ihre Taufe zu verbergen; ja, es soll vorgekommen sein, daß einzelne Getaufte an die jüdische Gemeinde Steuern bezahlt haben, und daß ihr Uebertritt erst nach d-em Tode bekannt wurde, als sie auf einem nichtjüdischen Friedhofe bestattet wurden. Diese wollten mit ihrer Taufe irgendeinen Zweck erreichen, aber sie schämten sich, als Apostaten zu gelten, und verheimlichten, was sie getan. Aber abgesehen von solchen Fällen, wie mangelhaft ist die Statistik, die von den Judentaufen in den verschiedensten Ländern der Welt Kunde geben soll. Die Missionäre preisen das neunzehnte Jahrhundert als das an Judentaufen gesegnete und knüpfen an diese sogenannten Segnungen Hoffnungen, die sicherlich niemals erfüllt werden. Sie vergleichen in Beziehung auf Judentaufen das apostolische Zeitalter mit dem letzten Jahrhundert. Ziffern werden genannt, die uns Angst einflößen; mehr als 200 000 Seelen sollen im neunzehnten Jahrhundert sich vom Judentum losgelöst und die Taufe empfangen haben. Manche nennen eine noch höhere Zahl, andere wiederum eine weit geringere; wir sehen schon aus diesen verschiedenen Angaben, mit welcher Behutsamkeit wir zu Werke gehen müssen, wenn wir die Getauften zählen wollen. In Preußen sollen im letzten Jahrhundert zwölf- bis dreizehntausend Juden zum Christentum übergetreten sein. Da die allermeisten Judentaufen nicht aus inneren Gründen hervorgehen, so ist es selbstverständlich, daß äußere politische und soziale Umstände dieselben beeinflußten. So kann man, wie Dr. Samter in seiner Schrift über Judentaufen treffend bemerkt, die Wahrnehmung machen, daß in Preußen die Taufen in ganz bestimmten Zeitabschnitten