Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 463 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 463 innerhalb der christlich-sozialen Partei ist in Wien im Schwinden begriffen, aber der Rassenantisemitismus hat eher an Zugkraft gewonnen. Die Juden haben dies nicht zu beklagen; denn der Abfall vermindert sich zusehends, sobald die Taufe nicht mehr vor Zurücksetzungen schützt. Der Judensprößling Or. Porzer dürfte unter dem neuen Wiener Bürgermeister Dt. Neumayer eine wesentlich untergeordnetere Rolle spielen als zur Zeit der Lueger-Herrschaft. Auch in Ungarn wenden sich hocharistokratische Kreise ziemlich scharf selbst gegen solche am Hofe beliebte Personen jüdischer Abstammung, deren Freiherrnkronen die Patina alter Stammlinien fehlt. In dem hocharistokratischen Parkklub in Budapest wurde dies selbst der Familie des Obergespans Freiherrn Daniel so peinlich fühlbar gemacht, daß es den Graf Paul Sezapary veranlaßte, obgleich er Präsident der kürzlich begründeten antisemitisch-klerikal gefärbten christlich-sozialen Partei in Ungarn ist, sich der beiden Baroninnen Daniel anzunehmen. Wie die antisemitischen Kreise in Ungarn der „rassefremden" Baronin Daniel eine politische Mission undichten, haben die deutschen Antisemitenblätter dies seinerzeit der Frau v. Koszielsky, einer geborenen Bloch, gegenüber getan, bis ihr Gemahl durch eine großpolnische Rede bei Hofe in Ungnade fiel. Die jüdische Abstammung des Grafen Aehrenthal ist für die deutsche wie für die österreichische Antisemitenpresse hinreichender Grund, den erfolgreichen Leiter der auswärtigen Politik Oesterreichs durch gehässige Glossen zu seiner Polen-Politik herabzusetzen. Die „Deutsch-Sozialen Blätter" geben diese Verdächtigungen mit offensichtlicher Befriedigung wieder; für sie scheint es festzustehen, daß Graf Aehrenthal in den galizischen Polen die beste Stütze der österreichischen Regierung erkennt und aus Rücksicht auf diese Polen auf die deutsche Regierung dahin zu wirken sucht, daß sie auf die Anwendung des Enteignungsgesetzes in den Ostmarken verzichtet. Das ist zwar Unsinn, aber in diesem Unsinn zeigt sich doch die antisemitische Methode. Wenn die „Preußischen Jahrbücher" eine mildere Behandlung der Polensrage empfohlen haben, und wenn selbst die preußische Regierung zu keiner weiteren Verschärfung der Konflikte in den Ostmarken die Hand bieten sollte, braucht dabei kein Einfluß eines fremden Staats'mannes maßgebend zu sein, sondern die