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Im deutschen Reich · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. 464

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1910-06-01
Page
464 (sequence 10)
Language
German
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464 Im deutschen Reich. Wahrnehmung, daß bei dem „Polenkurs" die Erfolge den Erwartungen keineswegs entsprochen haben. Wieweit dies darauf zurückzuführen ist, daß die preußische Regierung dabei auf die Verwertung der gutpatriotischen Gesinnung und der Intelligenz der Juden verzichtete und sich zumeist' von Rassenvorurteilen nicht freier „alldeutscher" Werkzeuge bediente, mag dahingestellt bleiben.. Italien hat es nicht zu bereuen, daß dort weder Fürst noch Volk daran Anstoß genommen hat, sogar einem glaubenstreuen Juden, dem jetzigen Ministerpräsident Luzzati, das Staatsruder anzuvertrauen. Sein Amtsantritt wurde, weil man seine früheren Leistungen kannte und würdigte, vielmehr mit Jubel begrüßt, und die Zahl der Beglückwünschungs-Telegramme war so mächtig, daß das stark antisemitisch gefärbte Organ der schlesischen Konservativen, die „Schlesische Zeitung", glaubte, diesen Enthusiasmus auf Reklame zurückführen zu müssen. Wie sehr der jüdische Ministerpräsident Italiens der Reklame abhold ist, erhellt aber gerade aus der weiteren Darlegung der „Schlesischen Zeitung", die nicht leugnet, daß das bei der Parlamentseröfsnung von Luzzati verlesene Programm in seiner Schlichtheit nicht geeignet gewesen sei, den Erwartungen der Anhänger des Staatsmannes zu entsprechen, die vielleicht aus ein Begeisterung erweckendes Programm gerechnet hatten. Er hat aber damit ein glänzendes Vertrauensvotum erlangt, und daß dieses nicht unverdient war, geht daraus hervor, daß selbst ein so judenfeindliches Blatt wie die „Schlesische Zeitung" meint, seinen Ausführungen über die auswärtige Politik tonne man ein uneingeschränktes Lob spenden. Wenn ihr seine Erklärungen zur Kirchenpolitik dagegen nichtssagend erscheinen, dürften unbefangene Beurteiler darüber ganz anderer Meinung sein. Er kündigte, ausgehend von der Cavourischen Formel der freien Kirche im freien Staat, eine Kirchenpolitik an „ohne Unduldsamkeit und ohne Verfolgungen, ohne Kompromisse und ohne schwächliches N a ch g e b e n". A. L.

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