Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 462 (sequence 8)
- Language
- German
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462 Im deutschen Reich. solche verschulden,, die sich längst vorn Judentum losgesagt haben, oder nie Inden waren. In einer von der Vereinigung für das liberale Judentum am 8. Mai veranstalteten Versammlung, in der man sich mit den „Berliner Religionsgesprächen" beschäftigte, wurde mit Recht betont, daß die Juden -jeder Religion mit Ehrfurcht begegnen, aber den Wert des eigenen Glaubens „der Mutter aller Religionen" nicht verkennen dürfen. Wenn Männer, die sich vom Judentum losgesagt haben, weder die eine noch die andere Pflicht anerkennen, geht das uns nichts an. Für den freigeistigen „Simplizissimus", an dessen Redaktionstisch kein Jude sitzt, haben wir nichts übrig; daß sein Lesepubliküm nicht jüdisch, sondern vorwiegend hocharistokratisch ist, hat selbst die agrarische „Deutsche Tageszeitung" anerkannt, wenn es sich bestätigt, daß sie in geschäftliche Beziehung zu diesem Blatt treten wollte. Und was Herrn Maximilian Harden betrifft, den seine Gegner so gern an seine jüdische Abstammung erinnern, so können wir darauf verweisen, daß er in einem begeisterten Nachruf für Lueger am 25. März in der „Zukunft" von dem antisemitischen Bürgermeister Wiens sagte: „Seit er mit lauter Zunge gar zum Krieg wider Sems Söhne rief, ward er zum Abschaum der Menschheit geworfen" . . . und dann von einem „fremden, rasch wachsenden Stamm" schrieb, „dem die Erhaltung unserer alten Volksart nicht lebensnotwendig ist". Wer sich s o äußert, den sollte man, wenn er sich bei wurzelechten Ariern mißliebig macht, nicht mehr den „Söhnen Sems" zurechnen. Von den Juden in der Reichshauptstadt Oesterreichs ist bei den am 1. Mai stattgehabten Gemeinderatswahlen der feste Wille bekundet worden, keinem getauften Juden ihre Stimme zu geben, und in der Leopoldstadt hat sich tatsächlich die jüdisch-sozialpolitische Liste erfolgreich erwiesen. Im Ganzen sind die Christlich-Sozialen aus einem heftigen Wahlkampf wieder als Sieger hervorgegangen, aber der Erfolg war doch nur ein äußerlicher; denn überall war zu bemerken, daß die unter Lueger unbeugsame Disziplin in der Partei erschüttert ist und diese durch innere Zwistigkeiten mit der Zeit aufgerieben werden dürfte. Der religiöse Fanatismus