Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Juden im Weltbild
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 448 (sequence 10)
- Language
- German
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448 Im deutschen Reich. aus denen des orthodoxen Judentums manchen Widerspruch erfahren dürfte, was aber auszusprechen mir eine persönliche Ehrenpflicht oder sagen wir lieber ein Glaubensbekenntnis' zu sein scheint: Nicht als ein Volk von Auserwählten, nicht als das auserwählte Volk Gottes sollen wir uns betrachten, sondern als eine Kulturgemeinschaft von Menschen, bereit, sich in den Dienst des reinen Menschentums zu stellen, das keine Konfession und keinen Religionshader kennt. Was heißt denn Volk? ruft Lessings, des Kamenzer Pfarrerssohns Nathan aus, „Sind Christ unb Jude eher Christ und Jude als Mensch?" Und als ihm der Klosterbruder zürnst: „Bei Gott, ihr seid ein Christ! Ein besserer Christ war nie!" da -gibt ihm Nathan die rechte Antwort,, die da lautet: „Wohl uns! Denn was mich euch zum Christen macht, das macht euch mir zum Juden!" Das Rein-Menschliche, das mehr ist als Juw und Christ und Muselmann, das sei unsere Panaeee, das Allheilmittel, dessen Anwendung uns heute freilich noch versagt ist, in der Hailptsache wohl nicht durch unsere Schuld; die Zeit des Reinmenschlichen ist noch nicht gekommen. Da lassen wir uns unterdessen daran genügen, gute Juden zu sein, uns des getröstend, daß der gute Jude, der Bekenner des reinen Monotheismus, und auch jener, der nur noch die Stammeszugehörigkeit für sich in Anspruch nimmt, dem der nur ein guter Mensch sein will, nicht mehr, aber auch nicht weniger, am nächsten kommt.- Wir westeuropäischen Juden haben es leicht, in geduldiger Treue und in gedeihlicher Arbeit auf den Menschenfrühling zu warten, von dem wir wünschen und hoffen, daß er bald Heraufziehen möge. Wir haben es leicht und haben es auch leicht, uns als die Kulturträger zu empfinden, die ihrer Mitwelt wertvolle Kulturelemenie zuführen. Ganz anders aber stellt sich die Sache bei dem in allen Landen zerstreuten jüdischen Proletariat 'und insbesondere dem des östlichen Europas. Wir westeuropäischen Juden sind gar zu leicht geneigt, die von uns repräsentierte dünne Schicht des intellektuellen Judentums für das Judentum schlechtweg zu halten. Wir