Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. 449

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Die Juden im Weltbild
Date
1910-06-01
Page
449 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316791-2316798-2343352--20436-2343441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Juden im Weltbild. 449 haben ja auch ein gewisses Recht dazu, soweit es sich um die Charakterisierung des Kultureinschlages handelt, den die Juden dem heutigen Weltbild zu geben haben. In der ziffermäßigen Wirklichkeit stellen wir aber nur einen kleinen Bruchteil des gesamten Judentums dar, und unsere Würdigung der Juden innerhalb des Weltbildes wäre unvollkommen, wollten wir uns nicht auch mit der Rolle befassen, die jene anderen Millionen auf dem Welttheater zu spielen berufen sind. Es ist, um es mit einem Worte zu sagen: die des Prügelknaben! Diejenigen, die der Antisemitismus kaum streift, die ihn in um so höherem Grade verlachen dürfen, je tüchtiger und innerlich freier und unabhängiger sie sind, können sich kaum vorstellen, was es heißt, in den Schwitzhöhlen Londons und New Jorks und unter der Knute Väterchens ein Jude zu sein oder sonstwo in den Niederungen des Lebens als Jude um sein Brot kämpfen zu müssen. Jenen ist die Welt — die ganze Welt ein Ghetto. So steht im Weltbilde neben dem Juden, der ein Kulturträger und in vielen Stücken ein Günstling der Kultur ist, jener andere, der Jude als Geächteter, als Verfehmter, als Paria, jener Jude, von dem Rosenfeld singt: „Und wir sind Juden, armselige Juden, Ohne Freund, ohne Freud', ohne Hoffnung auf Glück, Fragt uns nicht mehr! — Doch wollt ihr es wissen: Amerika treibt uns nach Rußland zurück!"" Täuschen wir uns nicht darüber: Wir, wir alle sind jene Geächteten, jene Verfehmten, jene Parias — und wir verdienten das Schicksal des Untergangs, das unsere Widersacher uns bereiten möchten, wenn wir nicht empfänden, daß es unsere Sache ist, die in den Metzeleien des Zarismus, die in den Judenstädten, den Ghetti der überseeischen Industriezentren ausgefochten wird, wenn wir uns nicht mit Gut und Blut inden Dienst unserer Stammes genossen stellten. Und nun möchte ich mit einem Geschichtchen schließen, das mir vor Jahren passiert ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.