Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Juden im Weltbild
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 447 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden im Weltbild. 447 Wer unmittelbar in angenehme und glatte Verhältnisse auch nach dieser Seite hineingeboren wurde, der hat gar nicht die Möglichkeit, sich in solch kritischen Lagen zu bewähren, dem fehlt von vornherein die Nötigung, der Welt die Achtung und Wertschätzung abzwingen zu müssen, da ihm Achtung und Wertschätzung von selbst sozusagen als unverdientes Erbe entgegengebracht werden. Ich bin aber gar nicht geneigt, den Mangel solchen Erbes mit Heine als ein Unglück zu empfinden. Im Gegenteil. „Nur die wenigen werden gesehen." Das Bewußtseingesehen zu werden, das Bewußtsein, an exponierter Stelle gegen einen wohlverschanzten und recht oft unsichtbaren Feind kämpfen zu müssen, legt uns die Pflicht auf, uns so zu panzern und zu rüsten, daß der Feind keine verwundbare Stelle an uns entdecken kann, und so kampftüchtig zu werden, daß wir Sieger bleiben trotz alledem. In diesem Sinne sind wir dem Antisemitismus zu großem Danke verpflichtet. Er leistet uns unschützbare Erzieherdienste. Da ist keine Blöße, kein Fehler, keine Unvollkommenheit an uns, auf die er nicht mit unerbittlicher Strenge und Nachdrücklichkeit immer wieder hinwiese. Wir sind ein lerneifriges Volk und nehmen Belehrung an, woher und aus welchen Beweggründen sie uns auch komme. Der Antisemitismus hat uns schon manchen Fehler aberzogen und uns so zum Heile werden lassen, was uns am tiefsten beugen sollte. So stehen wir denn am Ende dieses Teiles unserer Betrachtungen, und wenn wir zusammenfassend fragen: Was bedeuten die Juden im Weltbild?, so dürfen wir uns der Antwort freuen. Die Juden stellen im Bild der Welt und der Zeiten ein Kulturelement ersten Ranges dar. Sie haben am nachhaltigsten den Gedanken und Wesensinhalt der heute noch bestehenden Religionen und Kulturen beeinflußt, sie haben in Wissenschaft und Kunst, in Politik und Gesellschastsleben und erst recht im Reiche der Sittlichkeit wertvolle Bausteine zum Menschheitstempel herbeigetragen. Und lassen Sie mich noch eines hinzusetzen, was zwar, wie ich wohl weiß, über den Rahmen einer sachlichen Würdigung .hinausgeht und aus den Reihen der Historiker wie auch