Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Juden im Weltbild
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 446 (sequence 8)
- Language
- German
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446 Im deutschen Reich. Eines freilich ist schlimm dabei. Wo viel Licht ist, da fehlt es mit Naturnotwendigkeit auch nicht an Schatten. Israel hat sein Teil daran, Fehler, Untugenden und selbst Laster, die sich als die Fehler seiner Vorzüge erweisen, andere, die durch Schmach und Druck der Jahrhunderte von außen angehestet worden sind, und die — widersinnig genug — seine Feinde und Hasser, dieselben, die jene Eigenschaften erst verschuldet haben. Zum Ausgangspunkt ihrer Anklagen und Vorwürfe 'machen. Wir alle 'wissen ein Lied davon zu singe::, und je nach Temperament und allgemeiner Lebenslage hat den einen und anderen mehr oder minder schwer getroffen, was an Neid, Haß wnd Verfolgung seinen Lebensweg verdunkelt hat. „Das Judentum ist keine Religion, sonderndem Unglück", hat einmal Heine in einer finsteren Stunde geklagt. Wir empfinden es nicht so. Selbst nicht dann und da, wo uns unser Judentum zur Hinderung unseres Fortkommens wird oder -zu werden scheint. Denn in Wirklichkeit verhält sich die Vache meist ganz anders. Gewiß, es kann Vorkommen, daß ein Dozent nicht Professor wird, weil er sich nicht entschließen kann, durch einen Verrat seinen Befähigungsnachweis zu einem akademischen Lehramt zu erbringen. Und es kann Vorkommen, daß für hochverdiente Männer der Wissenschaft an ihren offiziellen Pflegestütten kein Platz ist, weil sie Juden sind, ebenso wie es Vorkommen kann, daß tüchtige richterliche Beamte aus dem gleichen Grunde auf die Verwendung im aktiven, d. h. richterlichen Dienst verzichten. Solche und ähnlich gelagerte Fälle ereignen sich jeden Tag. Was aber besagen sie? Doch wohl nur, daß der Staat sich um die fruchtbringende Mitarbeit fähiger Männer gebracht hat und bringt. Den Betroffenen selbst wird dadurch kein Iota von ihrer Tüchtigkeit und ihrem Wert genommen. Im Gegenteil. Nur ehrfurchtgebietender steht der Mann da, der nicht um äußerer Ehre willen seine innere preisgibt und der zugleich an Wissen und Können seine Umgebung so sehr überragt, daß wiese, wenn schon widerwillig genug, Zumindest seinen Charakter und seine Leistungen anerkennen muß, auch wo der inneren Anerkennung die dem Betreffenden zugebilligte äußere Stellung nicht entspricht.