Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Juden im Weltbild
- Date
- 1910-06-01
- Page
- 442 (sequence 4)
- Language
- German
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442 Im deutschen Reich. allzeit spüren wir die segnende Hand, die am Vorabend vor Rosch-Haschonu sich auf unfern Scheitel legte. „Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf daß es dir wohl ergehe." Auch die Erläuterung dieses Gebotes hat uns die Familie 'gegeben, es hat in den finstersten Zeiten des Mittelalters seine Kraft bewährt. Der Abfall vom Glauben umlockt und umschmeichelt die Jugend. Er will sich ihnen unter Androhung und Ausübung von Folter- und Todesgualen aufzwingen. Sie verlachen die Lockung und ertragen die Tortur, wenn der Vater es ihnen befiehlt und die Mutter sie darum bittet. So überwindet die jüdische Familie Verzweiflung und Tod und erscheint in unseren Tagen als eine festeste Stütze jener Auffassung, die in der Monogamie den unverbrüchlichen, sittlichen Zellkern jeder sexuellen Lebensgemeinschaft erkennt. Vom jüdischen Hause nimmt auch in erster Linie die Betätigung und Verlebendigung jener sittlichen Forderung ihren Ursprung, die unter dem Allgemeinbegriff der Wohlfahrtspflege und der rückhaltlosen Wohltätigkeit einen unbestrittenen Ruhmestitel des jüdischen Volkes bildet. Ausgegangen vom jüdischen Haus, ist sie emporgewachfen in der außerordentlich vorgeschrittenen Sozialgesetzgebung des alten Israel. Man erinnere sich beispielsweise der Einsetzung des sogenannten Jubeljahres, das die Ansammlung allzu großer Vermögen und insbesondere die Monopolisierung des Bodens in den Händen weniger unmöglich machte, und der Verordnung, die da im Namen Gottes gebot, den zehnten Teil seiner Einkünfte den Armen zu geben. Für sehr viele Juden ist das ein heute noch verbindliches Gesetz, allen aber hat es jenen Zug der Menschengüte verliehen, der sich in der Linderung von Not und Leiden gar nicht genug tun kann. Freilich ist uns Sinn und Verständnis für Leid und Not der Welt auch durch die schlimmen Realitäten des Lebens geschärft worden. Das Wort des Harfners: „Wer nie sein Brot mit Thränen aß —" gilt für Israel mehr denn für alle anderen Völker. Durch Jahrtausende hat es sein Brot mit Thränen gegessen. Darum ist ihm das Empfinden für Jammer und Elend wach geblieben, darum geht ihm das Leid der Menschheit nicht um, sondern in den Finger.