Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-05-01
- Page
- 384 (sequence 9)
- Language
- German
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384 Im deutschen Reich. früheren Kabinett Sonnino als Schatzminister, dem letzten Kabinett aber als Handels- und Ackerbauminister angehört und als ein Mann der reinen Hände und großer GeschäftsLüchLigkeit einen hochgeachteten Namen erworben hat, zum Ministerpräsidenten ernannt worden ist. In Deutschland ist er be-. sonders durch seine hervorragende Teilnahme an den letzten Handelsvertrags-Unterhandlungen bekannt geworden. Seine Familie ist auch in Oesterreich hochangesehen. Ein Luzzati gehört zu den einflußreichsten Mitgliedern des österreichischen Parlaments; ein anderer Luzzati war lange Zeit Bürgermeister von Triest. Wie sehr aber die Ernennung eines seinem angestammten Glauben treu ergebenen Juden zum Chef des italienischen Kabinetts den österreichischen Antisemiten gegen den Strich geht, davon gibt ein von Wutausbrüchen strotzender Artikel des Wiener Deutschen Volksblattes Zeugnis, in dem u. a. gesagt wird: „Die in neuerer Zeit so oft zutage tretende Erscheinung, die Hilfe der gesamten internationalen Judenschaft in Anspruch zu nehmen, um die leitenden Stellen der Staaten zu besserer Durchführung ihres Wucher- und Ausbeutungssystems in die Hände zu bekommen, ist ein warnender Mahnruf für uns arische Christen, dieser internationalen Liga mit der schärfsten Waffe gegenüberzutreten, und diese Waffe heißt unbeugsame Durchführung der antisemitischen Prinzipien auf jedem Gebiete/' Daran hat es bereits in Wien und anderen österreichischen Gebieten nicht gefehlt, aber dort hat „die Durchführung des Ausbeutungssystems" wahrlich nicht in den Händen von Juden gelegen, sondern ausschließlich in den Händen derer, die zu den ärgsten Feinden.' der Juden zählten. Bon den österreichischen Antisemiten ist übrigens wiederholt versucht worden, den jetzigen jüdischen Ministerpräsidenten als einen Gegner des Dreibundes zu verdächtigen. Luzzatti hat klugerweise dadurch den ^Gegenbeweis geliefert, daß er den früheren Minister des Auswärtigen, Tittoni, einen der treuesten Freunde des Dreibundes, zum Botschafter in Paris ernannte, was als eine Bürgschaft dafür angesehen wird, daß er berufen ist, dort die Ueberzeugung zu verbreiten, das neue italienische Kabinett sei gewillt, nicht nur zu Deutschland, sondern auch zu Oesterreich-Ungarn gute Beziehungen zu erhalten.