Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Die Juden im Weltbild
- Date
- 1910-05-01
- Page
- 368 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316791-2316797-2343218--20311-2343278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
368 Im deutschen Reich. zu. beugenden, aber niemals zu brechenden jüdischen Volkstums. Eine andere ist die Familie. Das soll hier nur ausgesprochen werden, da wir uns später noch in anderem Zusammenhang mit der jüdischen Familie zu beschäftigen haben werden. Nun bleibt aber noch die Erörterung der Frage nad) dem anderen Wunder, der durch dir Jahrtausende erhalteneu und gesteigerten geistigen Bereitschaft und Befähigung der Inden. Auch dieses Wunder hört auf, eines zu sein, wenn wir uns gegenwärtig halten, daß der Zaun um das Gesetz, von dem oben die Rede war, nicht nur den Verlauf des bürgerliche?! Lebens bestimmte, sondern den Inden die Beschäftigung mit religiösen, d. i. in diesem Zusammenhang geistigen Problemen geradezu zur religiösen Pflicht machte. Die Talmudliteratur und die Talmudgelehrsamkeit! Dem Laien gruselt es, wenn er bloß daran denkt. Und doch haben wir alle so ein Stückchen talmudisches Denken durch Erbschaft im Blute. Und doch ist es zweifellos die dialektische Schulung des Talmudstudiums, die dem Judentum die besondere geistige Regsamkeit und Kritikfähigkeit als Erbteil gegeben hat. Die Beschäftigung mit den Wissenschaften war den Juden göttliches Gebot, und die jüdischen Rabbinen und Gelehrten hatten frühzeitig erkannt, wie allbeherrscheud das geistige Moment im letzten Grunde ist. Israel war eine vollendete Theokratie. Dao heißt: die religiöse Satzung beschränkte sich nicht darauf, etncit bestimmten mehr oder minder ausgedehnten Anteil an dem Leben der Volksgenossen zu beanspruchen: sie durchdrang, erfüllte, ordnete alles, das gesamte Staats-, Volks- und Familienleben. „Inmitten der Wüste empfängt Israel eine Offenbarung, welche es den Glauben an einen einzigen Gott lehrt, welche ihm verbietet, seinen Nebenmenschen zu .töten, unb ihm befiehlt, seinen Nächsten zur lieben, auch wenn er ein Fremder und Andersgläubiger ist —, eine Gesetzgebung, die noch heute als das ferne, unerreichte Ideal einer sittlich-bürgerlichen Entwicklung erscheint, indem sie verbietet, Zins und Wucher zu treiben, indem sie die Anhäufung großer Reich-