Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Die Juden im Weltbild
- Date
- 1910-05-01
- Page
- 362 (sequence 6)
- Language
- German
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362 Irn deutschen Reich- Aber weder über noch unter der Erde ließ man sie in Ruhe, und die einmal aufgeivühlte Volksleidenschaft forderte Blutopfer ohne Zahl auch in Zeiten, in denen die .Mächtigen der Erde es für klüger hielten, die fleißigen mit) betriebsamen Juden zu schützen. Sie waren so bequeme Sparbüchsen, diese Kamm erkn echte des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Zitronen, die man auspressen konnte, wenn es dem Mob nicht eben beliebte, sie als Brunnenvergifter und Pestbringer zu rädern und zu vierteilen. Damals wurden die noch halb heidnischen Gebiete Osteuropas, wurde insbesondere Polen das Land der Zukunft und Errettung für Tausende und aber Tausende deutscher Juden. Betrachten wir mm einmal unbefangen das Bild des Judentums, ivie es uns zu Ausgang des Mittelalters entgegentritt, so sehen wir eine verfolgte, gequälte, ruhelose Gemeinschaft, die trotz allem und allem unentwegt am Glauben festhält. Und wir erkennen in ihm zugleich einen im Interesse der volklichen Blüte und allgemeinen Wohlfahrt geradezu unentbehrlichen Teil des Volkstums. Man verfolgt und beraubt, inan mißhandelt und tötet die Juden und--sieht sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit stets wieder genötigt, die eben Vertriebenen zurückzurufen, da man weder die von ihnen gezahlten hohen Stenern noch auch den günstigen Einfluß, den sie auf die Betriebsamkeit des Landes, auf Handel und Gewerbe ausübten, auf die Dauer entbehren konnte. Man ließ sie zurückkehren, aber als geduldete und ruhelose Flüchtlinge, von denen das Wort des Dichters (Byron) sagt: Die Taube hat ihr Nest, Der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda nur die Gruft! Gehen wir über diese Zeiten hinweg. Sie haben die Kluft aufgerissen, die heute noch zwischen uns und einem Teil unserer Volksgenossen gähnt, und es wird noch manche Generation dahingehen und des guten Willens aller Beteiligten wird es bedürfen, bis sie ganz ausgefüllt sein wird, und wir alle, die wir den Namen Deutsche tragen, ohne Unterschied der Konfession sein werden „ein 'einig Volk von Brüdern".