Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Die Juden im Weltbild
- Date
- 1910-05-01
- Page
- 361 (sequence 5)
- Language
- German
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Dü Juden im Weltbild. 361 Geldverkehrs und der Zins ge schärte, die, wie wir heute wissen, die unerläßlichen Voraussetzungen des gesamten Warenverkehrs, geradezu die Tragbalken der Weltwirtschaft sind. Einen traurigen Wechsel in der Lage der Juden brachten die Kreuzzüge. Man handelte nach dem uralt bewährten Rezept, das sich von den Pharaonen über die römischen Imperatoren bis auf unsere Tage vererbt hat und das da lautet: Willst du herrschen, führen und verführen, so stachele die blinde Leidenschaft der Unverständigen. Gib der Begehrlichkeit ein Ziel, der Unzufriedenheit einen Prügelknaben, lenke den Grimm der Fordernden von dem, was ihnen not tut, auf das, was sie ärgert, und sie folgen dir in jeden Abgrund und jede Schandtat, Tod und Verderben auf ihrem Zuge verbreitend. So sind die Blutbäder der römischen Proskriptionen, die Greuel der Bartholomäusnächte und Revolutionen, so sind die Judenverfolgungen des Mittelalters und so die Pogrome von heute zustande gekommen. Ein einziges, ein endloses Martyrium war das Dasein der mitteleuropäischen, insbesondere der deutschen Juden im Mittelalter, das 'aber für sie nicht das zeitgeschichtlich bestimmte Ende erreichte, sondern sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erstreckte. Zur Zeit des ersten Kreuzznges, vom Mai bis Juli 1096, sollen allein in den rheinischen Städten Worms, Trier, Mainz usw. 12 000 Inden hingemordet worden sein. Voll innerer Bewegung habe ich vor einigen Jahren, als eine Bortragsreise mich dorthin führte, vor den Gräbern des Prager Judenfriedhofs gestanden, in denen soviel Weisheit und Menschengüte, soviel Opfermut und Glaubenstreue den ewigen Schlaf schläft. Und in der Alt-Neuschu? war ich. Mir wurde beklommen zumute, als ich zu dem Grabesdunkel jener Gebetstätte auf sieben ausgetretenen Steinstufen herniederschritt. In diesem dumpfen Gelaß hatten jahrhundertelang die Verfolgten und Ausgestoßenen zu ihrem Gott gerufen. Hierhin hatten sie sich gerettet — unter die Erde, denn auch heute noch ragt der bereits vor Jahrhunderten renovierte Bau kaum in Scheunenhöhe über den .Erdboden empor. Wie die ersten Christen in die Katakomben Roms, so flüchteten die Juden sich unter die Erde, um ihrem Gotte zu dienen.-