Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 324 (sequence 10)
- Language
- German
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324 Im deutschen Reich. die schmetternden Heilrufe aus, die bis in die Hofburg dringen und „oben" verstimmen. Demokraten und Schöneri-an-er, kein Weg zum Bürgermeister: achselzuckend geht er also auch von ihnen. Aber seine Sehnsucht schenkt ihm keine Schonung in unentwegter Arbeit, sein Instinkt gibt ihm rasch die richtige Fährte seines Zieles. Im neuen Groß-Wien appelliert er Plötzlich an den „kleinen Mann". Die erwachenden Vorstädte mit ihrer ungezählten Massenmacht sollen ihn emporheben. Und allen unerwartet, aus Nachtversammlungen, aus Bierdunst und Rauchlokalen schwingt jäh sich ein Genie empor. Längst ist man des liberalen Siechtums müde: da kommt ein Mann und schlägt die Juden tot. Es ist ein Schlagwort nur, es ist ja gar nicht so ernst gemeint; aber die Menge jubelt, die Menge hat ein Opfer, das sie verteilen kann, und einen Gott, dem sie die Opfer gäbe dankt. Dem Gott ist sie das Werkzeug, das er behutsam anfaßt, das Werkzeug, das er ganz gewinnt. Der Schönerianer von einst wird als Bürgermeister Patriot. Und er schlachtet nicht mehr so unbedingt Juden, er erzieht Oesterreicher. So lange, bis die Gunst der Hofburg wiederkehrt, überreich. Doktor Lueger-Bürgermeister, Lueger-Hofrat, Lueger-Exzellenz. . . . Zwischendurch arbeitet er unaufhörlich. Wien bleibt sein Traum. Die Stadt ist, seit er das Szepter führt, kaum wiederzuerkennen. Die Gartenanlagen am Stadtgürtel schießen aus dem Boden empor, man baut eine Stadtbahn, die Straßenbahn, die Beleuchtungswerke werden Verwaltungsgut, Reichtum der Wiener Stadt. Was alles die Liberalen versäumten: eine Horde von beschränkten Strohmännern, ein kurioser Stadtrat von christlich-sozialen Nullen vollführks, weil er den Befehlen des Ungekrönten bedingungslos lauscht." Aber auf der Höhe der Erfolge bricht der antisemitische Bolkstribun zusammen, und zu den schwersten körperlichen Leiden gesellt sich das Seelenleid, daß er keinen Nachfolger hat, der imstande wäre, sein Werk in seinem Sinne weiterzuführen, daß der zu einem waschechten Klerikalen entwickelte Judenstämmling Or. Porzer die meiste Aussicht hat, Wiener Bürgermeister zu werden, daß sein eigener klerikaler Inspirator, Prinz Alois .Lichtenstein, als schwankender Mann nicht die Führung der antisemitischen Partei übernehmen kann, und die Massen, die sich seiner genialen Persönlichkeit beugten, zu keinem seiner Epigonen