Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 323 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 323 gepflanzt und eine ganze Reihe von Maßnahmen dnrchgefetzt, durch welche die Juden in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung schwer geschädigt wurden. Die freisinnige „Weser- Zeitung" sagt von ihm: „Er vergewaltigte die politische und religiöse Betätigung, ja selbst die innere Ueberzeugung der städtischen Lehrer, Beamten, Arbeiter, aller von der Kommune ökonomisch Abhängigen. „Für Kaiser, Reich und Christentum." Don diesem Leitspruch ließ er nicht ab. Er war eben eine Kampfnatur - mit allem Glanz und allen Flecken einer solchen —- und gab keinen Pardon." Aber dasselbe Blatt erwähnt auch, daß dieser antisemitische Bürgermeister Wiens selbst unter den Juden zahlreiche Anhänger, sogar Wähler besaß. Gleichwohl habe Lueger Andersgläubige prinzipiell wirtschaftlich geschädigt, sie langsam aus städtischen Diensten verdrängt und an der Uebergehnng der Juden unbeirrbar festgehalten. Trotzdem wollte er nicht eigentlich als Judenfeind gelten, uud wenn er tat Sitzungssaal die demagogischste Antisemitenrede gehalten hatte, hielt er später die ihm begegnenden jüdischen Journalisten an und sagte: „Aber '6itt? Sie, ich meines doch nicht so bös. Ja, was fang' ich denn ohne meine Inden an?" Er hat als Verwaltungsgenie Großes für Wien geleistet, gewaltige kommunale Betriebe geschaffen, und dabei ist ihm das jüdische Kapital schließlich unentbehrlich gewesen. An den Riesenanleihen, mit denen er das nachholte, was seine liberalen Vorgänger verabsäumt hatten, waren Judetw vielfach beteiligte der Verfolger der jüdischen Hausierer vertrug sich trefflich mit den großen Kapitalisten, und er verschmähte es auch in Einzelfällen nicht, sein Rednertalent auf jüdischen Friedhöfen glänzen zu lassen. In einer im „Leipziger Tageblatt" veröffentlichten Schilderung dieses armen Schuldienersohnes, der mit brennendem Ehrgeiz Jahre hindurch mit eiserner Konsequenz das Ziel verfolgte, das er schließlich als Wiener Bürgermeister erreichte,'heißt es: „Kein Charakter, doch ein Genie. Keine Partei, die er nicht durchlief. Unruhig steht der junge Advokat in der betrüblichen Wirtschaft der Liberalen Wiens, um den Aufstieg zu finden. Lachend geht er von ihnen, da er es weiß, daß ihr morsches, finkendes Schiff für ihn kein Segel der Hoffnung hat. Er versucht es mit den Demokraten, stößt gleich darauf mit Schönerer und den Deutsch-nationalen