Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 318 (sequence 4)
- Language
- German
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318 Im deutschen Reich. keitserfolg veranlaßte den Abgeordneten ch)r. Hahn, noch einmal und zwar ganz ohne Not, zu einem schaalen Judenwitz im Stile Liebermanns, indem er dem Fürsten Bülow vorwarf, durch die Zusage, die Finanzreform nicht ohne die Linke machen zu wollen, dieser einen „Wechsel" gegeben zu haben, dann aber hinzufügte — „Lachen Sie nicht so, Herr Müller- Meiningen, es braucht ja nicht gerade ein Jude zu sein!" Das ist der vornehme Ton, der im Bunde der Landwirte im Gebrauch ist und der unter den agrarischen Konsorten stets Widerhall findet. Haben doch die Agrarier auch in der letzten Zirkusversammlung dem Professor Dr. Suchsla n d aus Halle Beifall gezollt, als er den Professor Hans Delbrück zu den „Bestien der Nation" zählte und fast in einen: Atem behauptete, das wahre Gesicht der Erbschaftssteuer habe eine krumme Nase gehabt. Daß eine Aeußerung des Abgeordneten Singer über den hannoverschen Spielerprozeß dazu geführt haben fall, den Abgeordneten Dr. Diedrich Hahn sein antisemitisches Herz entdecken zu lassen und der nationalliberalen Partei zu entfremden, ist eben so charakteristisch wie die Aufregung, in die ihn vor etwa 15 Jahren seine innige Teilnahme für die Offiziere in Hannover versetzt haben soll, die damals den Umgang mit dem „ollen ehrlichen Seemann" so wenig verschmäht hatten, wie der aristokratische Berliner Klub der Harmlosen den mit einem Herrn Wolf, der wohl auch, nichts Verführerisches an sich hatte. Wir Juden leiden so sehr unter der durch die Antisemiten verbreiteten „G e ne ralis i e ru n g s su ch t", durch die ohne irgendwelche Berechtigung eine ehrenhafte Gesamtheit für Ausschreitungen eines einzelnen Unwürdigen verantwortlich gemacht wird: deshalb liegt uns nichts ferner als die Annahme, daß in dem -Offiziersstand der antisemitische Ton gang und gäbe sei, der einzelne jüdische Soldaten in einzelnen Füllen zur Verzweiflung getrieben hat. Wir sind vielmehr geneigt, anzunehmen, daß die Lektüre der mehr und mehr in gehässigem antisemitischen Ton verfallenen agrarischen Presse und die rohen Späße antisemitischer Wortführer, die sich als die Busenfreunde der Offiziere aufspielen, auf diese nicht ohne Wirkung geblieben sind. Das ist in hohem Grade beklagenswert, und in dieser Hinsicht möchten wir der Miß-