Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Zur neuesten Biographie Heinrichs v. Treitschke
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 313 (sequence 8)
- Language
- German
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Zur neuesten Biographie Heinrichs v. TreiLschkes. 313 Rücken drehte, ihn ihm gewiesen. Sicherlich hat er nur einen platonischen Bürgerkrieg im Sinne gehabt; aber dieser hat, wie billig, geendigt, wie die platonische Liebe zu endigen pflegt. Die schlechten Inden bleiben, was sie waren; die guten wenden sich von den Christen ab; und von den Christen selbst stürzt der Pöbel aller Klassen sich begierig auf das wehrlose Wild, und die Bessern sind zum Teil im Innern unsicher und schwankend. Herr v. Tr. hat mit gutem Recht einen politischen und moralischen Einfluß auf seine Nation wie heute kein zweiter Publizist; er wird, wie es üblich ist, für seine hohe Stellung bestraft durch die Wirkung seiner Fehler." Möchte das doch den Judenfeinden unserer Tage zur Mahnung und Warnung gereichen und sich endlich Mommsens Wort erfüllen: „Diese Hetze des Tages kann das Publikum nicht bannen, aber ächten. Das wird hoffentlich nicht ausbleiben, und die entwichene Toleranz zurückkehren — nicht diejenige, die sich von selbst versteht, gegen die Synagoge, sondern die wesentlichere Toleranz gegen die jüdische, von ihren Trägern nicht verschuldete, ihnen als Schicksal auf die Welt mitgegebene Eigenartigkeit." Auf die Frage, wie bei einem so bedeutenden Manne eine so judenfeindliche Haltung möglich sei, hat uns der Biograph keine Antwort gegeben. Denn daß Tr., wie der Biograph sagt, sich berufen fühlte, auch seinerseits in der stürmischen Erregung des Volkes das Wort zu ergreifen, kann sein Verhalten ebensowenig entschuldigen oder erklären wie der Hinweis auf den Vergleich Windscheids, daß Tr. einem edlen Schlachtrosse gleich gewesen, das nicht zn halten sei, wenn es die Fanfare blasen höre. Nichtssagend bleibt die Redensart, die seit Treitschke bei den Antisemiten -gang undgäbe geworden ist, daß er sehr wohl Unterschiede zwischen Juden und Juden zu machen wußte. Bereits- Mommsen sagte seinerzeit, daß Tr. und seine Nachfolger sich der Ausnahme einzelner Personen und der persönlichen Bekannten besser enthalten hätten. Wenn ein Italiener ein Pasquill auf die deutsche Nation schriebe und Herrn von Treitschke persönlich ausnähme, würde ihm nicht für die doppelte Beleidigung eine doppelte Abfertigung zuteil werden? — Joel hat wohl das richtige Urteil gehabt, wenn er sich TreiLschkes Verhalten aus der Eigentümlichkeit desselben erklärte, der ein Monomane der nationalen Idee