Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Zur neuesten Biographie Heinrichs v. Treitschke
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 312 (sequence 7)
- Language
- German
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312 Im deutschen Reich. Meineides verteidigte und meinte, jene Zeugengeschichte hätte jedem passieren können. Später nahm er den Hofprediger auch wegen des Scheiterhaufenbriefes in Schutz und äußerte, ohne sich Stöckers sachlichen Standpunkt zu eigen zu machen: „Wenn man die Redaktionstische liberaler Blätter bestehle, werde man auch Scheiterhaufenbriefe genug finden." Dieser Schilderung des Biographen können wir nur teilweise beistimmen. Denn das Urteil, es habe sich jüdische Rachsucht, und Empfindlichkeit bei dem Kampfe gegen Treitschkes Angriffe bemerkbar gemacht, weisen wir entschieden zurück. Es gibt erstens keine spezifisch „jüdische Rachsucht", sondern nur eine in der menschlichen Leidenschaft und Schwäche begründete, und zweitens ist der nicht rachsüchtig, der gegen unbegründete Angriffe sich wehrt. — Ob man sagen kann, daß Tr. in dieser Frage das Gewissen vieler geweckt und großen Kreisen die Augen geöffnet hat? Das klingt so, als ob Tr. trotz seiner malitiösen Zunge, trotz seiner lodernden Leidenschaft, die unnötig verwundete, trotz der unheilvollen Wirkung, die von seinen Worten ausgegangen, trotz seiner sachlichen Blößen, die er sich gegeben, noch irgendein Verdienst in dieser Judenfrage beanspruchen könnte. Die Besten der Nation, wie Mommsen, Bamberger, Overbeck, Dropsen, verurteilten seine Parteinahme gegen die Juden. Daß er zu der Berliner studentischen Vereinigung, in der am lebendigsten von Treitschkeschem Geiste getränkter nationalpolitischer Sinn pulsierte, zum „Verein deutscher Studenten" in nähere Beziehung getreten ist und oft auf dessen Festen gesprochen hat, ist höchstens in den Augen dieses, noch heute leider in Judenhaß sich betätigenden Vereinsein Verdienst. Jedenfalls erkennen wir aus der Schilderung des Biographen, wie schwer Treitschke selber infolge seiner Stellungnahme zur Judenfrage geistig und seelisch, insbesondere durch die Abkehr der edelgesinnten Männer Deutschlands von ihm, gelitten hat. Auch seine jüdischen Freunde wandten sich von ihm ab-. Mommsen hat bereits in seinem trefflichen Aufsatz „Auch ein Wort über unser Judentum", Breslau 1880, darauf hingewiesen. „Mit vollem Recht haben diejenigen Juden, denen er nicht den