Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. 308

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Article
Zur neuesten Biographie Heinrichs v. Treitschke
Date
1910-04-01
Page
308 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316791-2316796-2343095--20219-2343150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Im deutschem Reich. Wundern, von seiner zündenden, die Jugend in Leipzig, Freiburg, Kiel, Heidelberg, und Berlin durch seine Vorlesungen begeisternden Beredsamkeit lesen, desto weniger verstehen wir, wie ein so bedeutender Forscher sich an der Judenhetze, „der Schmach des Jahrhunderts", beteiligt hat. Kaiser Friedrich, von dem das letztere Wort bekanntlich stammt, hat bereits seinen Unwillen darüber ausgesprochen, daß das böse Samenkorn des Judenhasses in die Schule und die Hörsäle, in die Pflanzstätten des Guten und Edlen, hineingeworfen wurde. Er konnte es nicht fassen, wie Männer, die auf geistiger Höhe stehen, oder ihren: Berufe nach freien sollten, sich Zn Trägern und Förderern einer in ihren Voraussetzungen und Zielen gleich verwerflichen Bewegung hergeben könnten. Vollends unbegreiflich aber erscheint uns Treitschkes Stellung zur Judenfrage, wenn wir seinen aus vielen Aussprüchen hervorleuchtenden religiösen Sinn und seine absprechenden Urteile über Schopenhauer und Nietzsche kennen lernen. An Overbeck schreibt er: „So lange die Welt besteht, hat noch nie ein Mensch unserem Geschlecht die Richtung zum Guten gegeben, wenn er nicht glaubte an das Gute im Menschen; und eben diesen Glauben zu ertöten ist Schopenhauers letztes Ziel". Wer möchte einem Manne Menschenmäkelei Zutrauen, der die goldenen Worte gesprochen: „Das wahre Glück des Lebens darf nur gesucht werden in dem, was allen Menschen erreichbar und gemeinsam ist, nicht in: Besitz wirtschaftlicher Güter oder in der politischen Macht, auch nicht in Kunst imb Wissenschaft, sondern in der Welt des Gemüts, in den: reinen: Gewissen, in der Kraft der Liebe und vor allem in der Macht des Glaubens!" — Wer wie Treitschke die Anschauung vertritt, daß der Staat nicht das Gewissen seiner Bürger verletzen, nicht in das Heiligtum der Persönlichkeit eingreifen dürfe, wer wie er es ausspricht: „wie wirr auch noch der Kampf der Meinungen in unserem religiösen Leben durcheinander wogt, die Zeit ist doch vorüber, da es für geistreich galt, des Heiligen zu spotten", dem würden wir so ungerechtes und unheiliges Gebühren, wie die Antisemiten es zeigen, nicht Zutrauen. Und, dennoch Packte ihn, wie der Biograph sagt, nach der Rückkehr von seiner Erholungsreise nach Rom mächtig der Eindruck der antijüdischen Bewegung, deren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.