Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Zur neuesten Biographie Heinrichs v. Treitschke
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 307 (sequence 2)
- Language
- German
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Zur neuesten Biographie Heinrichs v. Treitschke. 307 Weise vom Katheder aus in die Herzen der studierenden Jugend getragen hat, wird sicherlich einiges aus der sehr ausführlichen Biographie interessieren. Treitschke ist der Sproß einer böhmischen Familie, die bald nach der Schlacht am Weißen Berge, weil sie sich in ihrem evangelischen Glauben bedrängt sah, die Heimat verließ und nach Kursachsen auswanderte. Der Name lautete früher Treschky und ist eines Stammes mit dem aus Schillers Wallenstein bekannten Familiennamen Terzky. Wenn der Biograph, gerechter als Tr., bemerkt, daß in den beiden bis zur Geburt des Geschichtsschreibers verflossenen Jahrhunderten das Geschlecht gut deutsch und insbesondere gut sächsisch geworden wäre, was nicht ausschließe, daß sich in seinem größten Sohne tschechische Züge zeigen, welch großes Unrecht war es von einem sonst so bedeutenden Historiker, uns deutschen Juden die Ehre der Zugehörigkeit zur deutschen Nation versagen zu wollen und uns als fremd, als Sonderkörper in der deutschen Nation hinzustellen, weil unsere Vorfahren vor 1800 Jahren in Palästina gewesen. Daß es bekanntlich schon große jüdische Gemeinden vor der Entstehung des Christentums in Europa gab, ja, daß diese Tatsache die Verbreitung des Christentums erst möglich machte, darauf hat bereits Joel in seinem „Offenen Briefe an Herrn Prof. v. Tr.", Breslau 1879, hingewiesen. Ohne daß Joel die Herkunft des Treitschkeschen Geschlechtes untersuchte, hat er bereits an Tr. die Fragen gerichtet: „Kann denn Herr v. Tr. angeben, wo seine Väter vor 1800 Jahren waren? Wollen Sie, Herr Prof., einen körperlichen Eid leisten, daß Sie ein wirklicher Nachkomme der Germanen sind, die einst in den deutschen Eichenwäldern gelebt? Ich glaube nicht, daß Ihr Familienname damals bei den Germanen schon vorkommt. Baut sich denn eine heutige, eine moderne Nationalität aus lauter Menschen von gleicher Abstammung auf? Wollen Sie jedem Deutschen das Bürgerrecht versagen, dessen Backenknochen bezeugen, daß er von Mongolen stammt? Sind die Engländer keine große Nation, weil sie ein Misch Volk sind, ja, sind sie nicht vielleicht darum eine so große Nation?" — Je näher wir den Entwicklungsgang Treitschkes kennen lernen, je mehr wir sein Streben von Jugend auf, seinen ausgezeichneten Fleiß, seine Tiefe in der Auffassung historischer Tatsachen und Vorgänge, seinen unbesiegbaren Optimismus be-