Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Satyrspiel
- Date
- 1910-04-01
- Page
- 202 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Im deutschen Reich. treue zu dokumentieren gemeint. Ein merkwürdiger Baumeister, der das Dach fest und massiv baut und die Fundamente gleichzeitig lockert! Will der Minister Gerechtigkeit walten lassen, so möge er den strikten Befehl geben, daß die Zulassung zum Offiziersunterricht keinesfalls aus dem Grunde unterbleiben darf, weil der betreffende Kandidat Jude ist. Er möge weiter anordnen, daß gerade bei jüdischen Aspiranten-der Ausschluß aus dem Offiziersunterricht auch aus dem'Gesichtspunkt nachgeprüft werden muß, ob nicht antisemitische Motive vorliegen. Er möge fernerhin die Statistik der Beförderung von Juden in der Unteroffizierkarriere bei den einzelnen Regimentern einer Beachtung unterziehen. Er wird dann merken, daß merkwürdigerweise die Juden in einzelnen Städten, wir nennen nur Breslau, ganz besonders schlechte Soldaten sein müssen, und er wird sich aus dieser Erfahrung heraus seinen Vers selbst machen können. Wenn dann dafür gesorgt ist, daß das Gebäude von unten her nur auf dem Fundamente der Gerechtigkeit und Vorurteilslosigkeit aufgebaut wird, dann erst kann die Endversicherung des Ministers, der gewählte jüdische Einjährige werde auch befördert werden, nicht wie jetzt einen phrasenhaften Charakter, sondern den Stempel des Ernstes in sich tragen. Zweifellos hat das Satyrspiel der letzten Reichstagsverhandlungen den Juden, die vielfach auf eine Besserung der Verhältnisse gehofft haben, diesen Glauben wieder geraubt. Soll Wandel geschaffen werden, so können aber die Juden selbst ohne tätige Mithilfe des Einzelnen keinerlei Aenderung der bestehenden Verhältnisse erwarten. Zaghaftigkeit und Langmut sind hier nicht am Platze. Die Entrüstung über das geschehene Unrecht soll nicht nur.im Stillen gepflegt werden, sondern auch nach außen hin dadurch zur Wirksamkeit gelangen, daß alle diejenigen Fälle, nt denen Juden lediglich aus antisemitischem Motive eine Zurücksetzung erfahren, von den einzelnen Ortsgruppen gesammelt und uns berichtet werden. Es gilt hier, nicht allein dem E i n z e l n e n zu seinem Recht zu verhelfen, sondern auch der Einzelne muß im Interesse der Gesamtheit Ehre und Recht zu wahren wissen, ohne Rücksicht auf kleine Unbequemlichkeiten. Darin wird auch in unserm ,,Rechts"staate das Unrecht weichen