Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-03-01
- Page
- 150 (sequence 9)
- Language
- German
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150 Im deutschen Reich. ein unerquickliches Dasein zu führen oder den Entschluß zu fassen, den Staub der Heimat von den -Füßen zu schütteln. Dieser Entschluß fällt ihnen weit schwerer, als den von der Regierung nach den Ostmarken gesandten „alldeutschen" Chauvinisten, die bei weitem nicht so tief wie die deutschen Juden in Ostdeutschland Wurzel schlagen und deshalb selbst eine vermeintliche Strafversetzung nach anderen Gegenden als eine neue Begünstigung auffassen. Der Landschaftsmaler Professor Hoffmann, ein Sohn des Dichters Hoffmann v. Fallersleben, hat kürzlich einem Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes" gegenüber rückhaltlos seinen Aerger über diese „Alldeutschen" kundgegeben, die das Lied seines Vaters, „Deutschland, Deutschland über alles!", zu einem antisemitischen Trutzlied erkoren haben. Professor Hoffmann sagte, wenn es irgendeinen Menschen gegeben habe, dem Brutalität und Rassenhaß zuwider waren, so sei es sein Vater gewesen. Gerade unter den Juden habe er seine hilfreichsten und treuesten Freunde gehabt, und nun werde über seinem Grab ein Lied, das er zu Deutschlands Ehre gesungen, zu Zwecken verwendet, die der Dichter sicherlich für eine Schande Deutschlands gehalten hätte. So denken glücklicherweise viele deutsche Bürger, und es ist hohe Zeit, daß endlich auch die maßgebenden Personen in Preußen zu der Erkenntnis gelangen, daß die Hurraschreier und die Sänger antisemitischer Trutzlieder weder die besten Patrioten noch irgend zuverlässige Kämpfer für Thron und Altar sind, sondern durch ihren Einfluß und Terrorismus die Regierung nur zu Maßnahmen verleitet haben, die sich als nichts weniger als volkstümlich erweisen. Die politische Lage hat sich so trübe gestaltet, daß eine rasche und günstige Lösung der Judenfrage in Deutschland zunächst nicht zu erhoffen ist und unsere speziellen Wünsche uns minder dringend erscheinen als die Beseitigung unserer Sorgen als Staatsbürger. Das allgemeine Leid hat aber doch die natürliche Folge, daß selbst Parteien, die sonst für unsere Schmerzen wenig Gefühl zeigten, sich der Empfindung erschließen, daß wir Juden zuerst den Druck der Reaktion zu erdulden hatten und daß uns mit der Umgehung der Verfassung im Verwaltungswege bereits vor dem Ausbruch der politischen Krisis schweres Unrecht widerfahren ist. So hat bei der Beratung des Justizetars ein n a t i o n a l l i b e r a l e r