Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-03-01
- Page
- 144 (sequence 3)
- Language
- German
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sei. Die den Antisemiten nahestehende „Tägliche Rundschau" führt den Mißerfolg nur auf taktische Fehler zurück und sagt: „Die Partei hat den moralisch vernichteten Schack so lange zu halten versucht, bis alles verdorben war, und hat es dann doch noch vermocht, durch Aufstellung einer aussichtslosen Sonderkandidatur die bürgerlichen Parteien zu spalten und so den Kreis der Sozialdemokratie auszuliefern. So hat sie zu der ersten Schuld die zweite gehäuft und mit den nationalen Interessen jenes frivole Spiel getrieben, wie es vom Fürsten Bülow schon bei der Reichsfinanzresorm festgestellt wurde, deren Wirkung sich jetzt in Eisenach-Dermbach von neuem zeigte/' Der Gewinn ist der Sozialdemokratie zugefallen, die überall, wo die antisemitischen Parteien den Boden unterwühlen und die Bevölkerung mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden gemacht haben, ernten, was jene gesäet hatten. Die antisemitische Agitation zur Bekämpfung der Sozialdemokratie benutzen zu wollen, ist deshalb widersinnig. Aehnlich verhält es sich mit den reaktionären Versuchen, durch Zurückdrängung des jüdischen Bruchteils des deutschen Volkes den Liberalismus zu schwächen und gleichzeitig mit den Rechten der Volksvertretungen auch die Gleichberechtigung der Juden illusorisch zu machen. Der zufriedene Bürger, der alle seine Rechte gesichert sieht, sobald er dem Staate gegenüber alle seine Pflichten erfüllt, der das Kaiserwort „Recht muß Recht bleiben!" als unverletzlich betrachtet, ist die beste Stütze für den Staat. Wenn in Deutschland und insbesondere in Preußen sich neuerdings ein sehr deutlicher „Ruck nach links" bemerkbar macht, so haben sich dies die Konservativen und Agrarier selbst zuzuschreiben. Ihr zeitweiliger Triumph bei der Reichsfinanzreform und bei der Zertrümmerung des Bülowschen Blocks dürfte es nicht verhindern, daß sich unter dem schmählichen Druck von außen eine starke parlamentarische Opposition zusammenschweißt, die sich keineswegs gegen die Rechte der Krone, sondern gegen die Vorrechte einzelner Kasten und gegen weitere Abwälzung der Steuerlasten aus. die breitesten Volksschichten richten, vor allem aber der Volks-