Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Berlin
- Date
- 1910-02-01
- Page
- 97 (sequence 4)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 97 bedacht? Ursprünglich waren die Juden Nomaden, und die Eigenschaft des Nomaden ist notwendig diese Zweckbedachtheit. Der Ackerbauer, gesichert in seinem Besitz, wird ruhig und phlegmatisch. Des nächsten Tages Sorge stört den Schlaf des Nomaden; er muß in dieser Nacht denken, ob in der nächsten sein Haupt eine ruhige Lagerstätte finden wird. Darum muß die Praxis der Bedürfnisbefriedigung notwendig die Zweckbedachtheit der Persönlichkeit züchten. Zum Nomadencharakter kam des Ghettos Wirkung. Sie ergänzte die Zweckbedachtheit. Denn: der Ghettojude durfte nuv Gel d erwer b kennen. Unterstützt wurden die wirtschaftsgeschichtlichen Wirkungen durch die jüdische Religion. Sie lehrt im ganzen den Reichtum schätzen; im einzelnen vermitteln die biblischen Bücher die gerechte Ethik und fordern insbesondere Beherrschung sexueller Triebe, was mittelbar zur „Zweckbedachtheit" in höchstem Maße führt. Der Talmud entwickelt sogar den Gedanken der Gewerbefreiheit. Dies die Rudimente Sombartscher Deduktion. Damit sei er der Begründer einer neuen Epoche der jüdischen Wirtschaftsgeschichte, meinte Sombart zum Schluß. Er kanzelte auch etwaige Kritiker tüchtig pränumerando ab. Seine persönliche starke Selbstgefälligkeit hat schon bisher in seinem wissenschaftlichen Auftreten dem geistvollen und fleißigen Manne viel geschadet. Der Beifall ungelehrter Versammlungsbesucher wird auch diesmal sachkundigen Urteilern nicht den Mund verschließen, ihnen gegenüber nützt sich Sombart mit der von ihm sonst nicht so geschätzten Reklame nichts. Namentlich der letzte Vortrag soll, wie Kenner des Talmuds behaupten, in der Verwertung tälmudischer Erkenntnisse gänzlich unzureichend gewesen sein. Es mag ja eine gewisse Tragik darin liegen, daß das ungeheure Geisteswerk des Talmud durch seine sprachlichen Schwierigkeiten nur einem ganz kleinen Kreise zugänglich ist und stets sein wird. Aber benutzen sollte die Quelle nur, wer sie beherrscht. Nach dieser Richtung hätte sich auch ein Sombart bescheiden sollen. Wer einem Werk wie dem Talmud den Vorwurf der Rabülistik macht, muß das Buch kennen und Meister der Interpretation sein. Das auszusprechen hindert alle Grobheit Sombarts nicht. . Berlin. Ludwig Holländer.