Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Der Antisemitismus in Oesterreich - speziell in Wien
- Date
- 1910-02-01
- Page
- 82 (sequence 3)
- Language
- German
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82 Im deutschen Reich. christlich-sozialen Bewegung, welcher die Juden nicht Selbstzweck, sondern nur das Mittel zur Klerikalisierung der hauptstädtischen Bevölkerung waren. Auf anderer Grundlage entwickelte sich der Judenhaß in Mähren und Böhmen. Dort waren die Juden die sichersten und treuesten Stützen der deutsch-liberalen Partei. Als die Czechen erstarkten, forderten sie die Slavisierung der Juden, und der Widerstand gegen diese Forderung löste den Judenhaß aus. Die Czechen haßten die Juden nicht als solche, sondern als Träger des Deutschtums, und aus diesem Milieu, durchsetzt mit atavistischen Vorurteilen, entsprang der Polnaer Ritualmordprozeß, welchen der Berliner Rechtsanwalt vr. Arthur Nußbaum in einem trefflichen Buche behandelt hat. Die Juden in den gemischtsprachigen Kronländern gerieten durch diese nationalen Strömungen in eine unerquickliche Zwangslage, die in Mähren noch verstärkt wurde, als daselbst vor zwei Jahren das Katasterwahlrecht, d. h. die Verpflichtung eingeführt wurde, daß jeder Wähler sich von vornherein in ein deutsches oder czechisches Wahlkataster eintragen müsse. Durch diesen Zwang erfuhr die jüdisch-nationale Bewegung in Oesterreich eine erhebliche Verstärkung. Die Jüdisch-Nationalen verlangten damals in Mähren und jetzt auch in der Bukowina eine besondere jüdische Wahlkurie. Die Regierung lehnte jedoch diese Forderung ab, weil man nicht in einem Kronlande die Juden als selbständige Nation, in andern Kronländern nur als Konfession gelten lassen könne. Einem Zwischenruf gegenüber bemerkt Redner, daß er für seine Person kein Gegner solcher jüdischen Wahlkurien sei, daß aber die sehr gewichtigen wirtschaftlichen Nachteile, welche eine derartige Sonderstellung der Juden im Gefolge hätte, nicht außer acht gelassen werden dürfen. Namentlich in den national-einheitlichen Staaten, wie in Deutschland, hätten die Juden als eigene Nation gewiß keinen leichten Standpunkt. Dem Antisemitismus in Galizien liegen vorwiegend wirtschaftliche Motive zugrunde. Die Juden bildeten dort jahrhundertelang ausschließlich den Mittelstand. Sie waren die berufenen Vermittler des Handels und Verkehrs zwischen Adel und Bauern. In dem Maße aber, als sich in Galizien die moderne wirtschaftliche Entwicklung durch-