Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Der Antisemitismus in Oesterreich - speziell in Wien
- Date
- 1910-02-01
- Page
- 83 (sequence 4)
- Language
- German
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Der Antisemitismus in Oesterreich — speziell in Wien. 83 setzte und ein christlicher Mittelstand bildete, in dem Maße auch, als galizische Juden nach der Emanzipation in die höheren Berufe ausstiegen, wurde die jüdische Konkurrenz lästig, und man suchte die Juden auf den Gebieten des Erwerbslebens zurückzudrängen. Dazu kam der Umstand, daß gegenüber der primitiven Bewirtschaftung des Bodens die Dichtigkeit der Bevölkerung zu groß war und ein großer Teil der Juden, die Chassidim, in Unwissenheit und Vorurteilen versunken sind, so daß sie sich dem Eindrängen moderner Kulturbegriffe heftig widersetzen. Im allgemeinen wisse man jedoch schon, daß die galizischen Juden besser seien als ihr Ruf und daß man sie nicht nach jenen Wanderschnorrern beurteilen dürfe, die von der Not getrieben die deutschen Juden in stetige Kontribution setzen. Redner besprach nun die Wirkungen des Antisemitismus auf Volk und Staat. Das christliche Volk in Oesterreich ist namentlich durch den klerikalen Antisemitismus arg demoralisiert worden. Alle jene Schlechtigkeiten, die m an fälschlich den Juden z u r Last legt, w e r d e n von d e n C h r i st l i ch - S o z i a l e n tatsächlich g e ü b t. Mißbrauch öffentlicher Aemter und Steuer-- gelder, Kumulierung der Aemter, unrechtmäßige Bereicherung, Betrug und Unterschlagung seien in keiner Bevölk-erungsschicht häufiger zu finden als unter den christlich-sozialen Antisemiten. In.ökonomischer Beziehung sei der Wiener Antisemitismus so 'gut wie überwunden, die Gefahr liege nur in der allmählichen Abstumpfung des Ehrgefühls gegen öffentliche Beschimpfungen und Verleumdungen. Dagegen haben die Juden in der Provinz unter dem Rassenantisemitismus und namentlich unter der Boykotthetze noch immer schwer zu leiden. Mit Genugtuung müsse dagegen betont werden, daß die Staatsverwaltung, von wenigen Ausnahmen subalterner Organe abgesehen, sich vom antisemitischen Geiste noch immer frei zu halten wußte und daß es im Gegensätze zu Deutschland einen eigentlichen Staatsantisemitismus in Oesterreich bisher nicht gegeben hat. Die Regierung weiß, welche Verwüstungen der Antisemitismus in Staat und Gesellschaft ungerichtet hat. Man kann dem Blitze kein Ziel setzen, den Feuerbrand nicht beschränken, die Nichtachtung der Gesetze gegenüber einer einzelnen Klasse von Staatsbürgern muß in einem