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Im deutschen Reich · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. 70

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
16 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Article
Taufe und Gleichberechtigung
Date
1910-02-01
Page
70 (sequence 6)
Language
German
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70 Im deutschen Reich. Kaufmann Übertritt, mn „christlichen" Verkehr zu haben oder um Reserveoffizier zu werden? Wollen wir wirklich den jüdischen Studenten mit der Märtyrerkrone schmücken, der sich taufen läßt, damit er mit dem bunten Bande einer antisemitischen Burschenschaft herumlanfen und sich an ihren judenfeindlichen Bestrebungen beteiligen kann? Welche unglaublichen Fälle in dieser Beziehung Vorkommen, weiß jeder,, der sich auch nur oberflächlich mit diesem Gebiete befaßt. Ein vielbeschäftigter Arzt in einer kleinen Stadt ärgert sich darüber, daß ein antisemitischer Rittergutsbesitzer sich nicht von ihm behandeln läßt. Seinen Aerger glaubt er nur durch eine schleunige Taufe beschwichtigen zu können! Ein reicher Kaufmann will nach Rußland reisen, um persönlich ein Geschäft abzuschließen. Er hat gehört, daß man als Jude mit dem Paß gewisse Schwierigkeiten hat, folglich läßt er sich Laufen! Der Fall eines alten Mannes, der sich taufen ließ, um bei seiner Beerdigung seinem Sohne — einem getauften Staatsanwalt — den peinlichen Gang auf den jüdischen Friedhof zu ersparen, hört sich ja wie ein erheiterndes Kuriosum an, er ist aber wahr und spricht Bände! Bon der gewissenlosen Leichtfertigkeit, mit der die Kindertaufen vorgenommen werden, soll hier noch gar nicht einmal die Rede sein; sie bildet ein noch traurigeres Kapitel für sich. Man mache aber einmal einem solchen getauften Juden den Vorschlag, wegen eines ähnlich zu schätzenden Vorteils oder einer ähnlichen „großen" Unbequemlichkeit, die politische Gesinnung zu ändern, und man wird sehr bald in den höchsten Tönen das Lied von der „heiligen Herzensüberzeugung", von dem „Verrat am eigenen Selbst", von verächtlicher Heuchelei, von den größten Opfern, die man für seine politische Anschauung bringen müsse, hören. Aber dasselbe anwenden sollen auf die Religion? Auf die jüdische Religion? Ja, Bauer, das ist ganz etwas anderes! Die Juden unterstützen den Staat in feiner Förderung der Taufe, und der Satz steht leider fest, daß auf ihrer Seite vielfach in erschreckend leichtfertiger Weise mit der Taufe umgegangen wird. Was bedeutet das nun für uns glaubenstreue Juden? Auch auf dem Markte des Geistes herrscht das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Es ist klar, daß der Staat die Intelligenz

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