Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Taufe und Gleichberechtigung
- Date
- 1910-02-01
- Page
- 67 (sequence 3)
- Language
- German
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Taufe und Gleichberechtigung 67 schuft gilt, genau so auf das große Gebiet der Regierung und des aktiven Heeres Anwendung findet? Wer denkt daran, daß viele „freisinnige" Stadtverwaltungen systematisch die Juden von besoldeten Aemtern sernhalten? Für viele Gebiete des öffentlichen Lebens scheint der Ausschluß von den besoldeten Stellungen bereits ein so unabänderliches Gesetz zu sein, daß der Jude sich gar nicht erst dagegen aufzulehnen beginnt. Etwas vollkommen Analoges haben wir in der Stellung zu beobachten, die der Jude von heute der Taufe und dem getauften Juden gegenüber einnimmt. Die Anschauung, daß das Renegatentum etwas Schädliches darstellt, stammt gewiß aus alter Zeit; erst heute ist mau aber zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Rechnung früherer Tage, die den Täufling mit seinem Uebertritt als für das Judentum erledigt ansah, einen gewaltigen Fehler hat. Bis auf unsere Tage hat man sich nicht klar gemacht, daß der Abtrünnige auch nach seiner Taufe in recht unliebsamen Beziehungen zum Judentum steht. Man erkannte im Renegatentum eine Gefahr, aber es war typisch, daß mau zuerst den Schaden für die allgemeine Moral, für die allgemeinen Begriffe von Treu und Glauben, für den sittlichen Charakter der menschlichen Ordnung und nicht den für das Judentum hervorhob? Ungemein charakteristisch ist es für die Psychologie des Judentums, daß man das Problem zuerst von dieser rein idealen Seite aufsaßte. Obwohl man die Schädigung der allgemeinen Moral noch nicht verspürte, sondern nur die materiellen, fühlbaren Schläge gegen die eigene, enge jüdische Gemeinschaft, wog der ideale Gesichtspunkt vor. Der Jude stellte auch hier seine Sonderschmerzen zurück, und die wahrnehmbaren Beeinträchtigungen, die sein Judentum erfuhr, waren und sind weit weniger Gegenstand seines Kummers und seines Vorgehens als die allgemeinen ethischen Forderungen. Von welchen bedauerlichen Folgen der Uebertritt eines Juden — ganz abgesehen von der Verminderung an Zahl, und dem Verlust an geistiger und materieller Kraft — für das Judentum und vornehmlich seinen Gleichberechtigungskampf ist, wird kaum je hervorgehoben. Nur die idealen Seiten, der Niedergang des religiösen Sinnes, die Verwirrung der