Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- 44 (sequence 10)
- Language
- German
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44 Im deutschen Reich. Berlin S-SO und Rixdorf eröffnete der Borsitzende der Ortsgruppe, Herr Sanitätsrat Leibholz, mit einer kurzen Ansprache, in der er insbesondere die zahlreich erschienenen Damen begrüßte und auf die erfreuliche Teilnahme einer größeren Anzahl Gäste aus dem Nachbarort Rixdorf verwies. Hierauf erhielt Frau Henriette May das Wort zu einem Vorträge über „Die deutsche Staatsbürgerin jüdischen Glaubens". In gedrängter Kürze schilderte die Rednerin den Gang der allgemeinen Frauenbewegung vom Jahre 1878 an bis zum heutigen Tage, und betonte, daß einer der Haupterfolge dieses Kampfes ums Recht das neue Vereinsgesetz gewesen sei, welches den Frauen die Teilnahme an politischen Versammlungen ermöglicht und den Central-Verein veranlaßt hat, die jüdischen Frauen zu Mitarbeiterinnen an den Zielen und Bestrebungen des segensreich wirkenden Vereins zu machen. Es sei dies um so wichtiger, als nicht nur die jüdischen Männer berufen seien, für die Fortschritte auf politischem und sozialem Gebiet als deutsche Staatsbürger pflichtgetreu mitzuarbeiten, aus das häusliche Wirken beschränken könne, sondern als treue Gefährtin ihres Gatten ihm in dem Kampf ums Recht, der den deutschen Juden noch ganz besondere Pflichten auferlegt, stützend und ermutigend zur Seite stehen müsse. Der deutschen Staatsbürgerin jüdischen Glaubens fällt aber ganz besonders die Aufgabe zu, sich selbst mit den politischen und sozialen Forderungen der Zeit so weit vertraut zu machen, um die Erziehung ihrer Kinder in zielbewußter Weise so zu leiten, daß sie schon frühzeitig deutsch und jüdisch Empfinden lernen, sich durch die schon in früher Jugend den Juden begegnenden Widerwärtigkeiten nicht beirren lassen und zu ebenso pflichtgetreuen wie selbstbewußten, ebenso vaterländisch gesinnten wie glaubenstreuen Juden heranwachsen und auf beiden Gebieten als tüchtige Kämpfer ihren Mann stellen. Die Vortragende betonte, daß der Central-Verein den jüdischen Frauen die beste Gelegenheit gebe, sich zur Erfüllung dieser schwierigen Aufgaben auszurüsten, dazu besondere Fortbildungskurse eingerichtet habe' und auf die Mitarbeit der Frauen ganz besonderen Wert lege, weil er in ihnen nicht nur wackere Mitkämpferinnen gegen den Jndifferentismus und gegen den Abfall erblicke, sondern auch treue Hüterinnen der besten jüdischen Traditionen und aller sozialen Pflichten.