Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Ketten [Rezension]
- Date
- 1910-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ketten. tage mit den getauften Sohn, gleich, als ob er gestorben wäre. Aber noch ehe ein Tag verstrichen, muß er nicht um den getauften, ■ sondern um den Loten Sohn trauern, denn Leutnant Lehmann wird von dem Grafen Sadeck im unvermeidlichen Pistolenduell erschossen. Dem sterbenden Sohn vergibt der Vater, und tieferschütternd wirken seine gottergebenen Worte: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der'Name des Herrn fei gepriesen!" Es wird uns zu Beginn des Stückes mitgeteilt, daß der Einjährige Lehmann für den Offiziersberuf besonders veranlagt sei. Zwei Eigenschaften sind es, die der Beruf eines deutschen Offiziers in erster Reihe verlangt, und systematisch arbeitet die ganze Heranbildung des Offiziers insbesondere auf die Ausbildung dieser Eigenschaften hin; sie heißen: Charakterfestigkeit und Tapferkeit. D-ies aber find gerade Eigenschaften, die der Held des Dramas durchaus entbehrt. Es ist charakterlos, daß er ohne innere Ueberzeugung für das Christentum die Taufe annimmt, nur um einen ihm zusagenden Beruf ergreifen zu können; es ist feige und erbärmlich, daß er den alten, lieben Freund seines Hauses, Herrn Salomon, vor den Offizieren verleugnet, und ich behaupte, daß diesem so geschilderten jungen Manne die Qualifikation zum Offizier tatsächlich abgeht. Durchaus unwahr ist auch die Zeichnung der Offiziere. Mag ein deutscher Offizier jn seinem Herzen noch so sehr antisemitischen Gesinnungen huldigen, so ist er doch viel zu wohlerzogen, als daß er einem jüdischen Kameraden in so flegelhafter Weise seine Abstammung vorwerfen würde, und insbesondere dann, wenn der Jude Christ geworden ist. Die Vorgänge bei dem Sedanfeste wären nur dann „erklärlich, wenn der beleidigende Graf betrunken gewesen wäre; dann aber verliert erst recht die Szene jeden typischen Wert, da die Aussprüche eines Trunkenen nicht als Norm angenommen werden können. So wie sie hier geschildert worden sind, erkläre ich die Vorgänge einfach für unmöglich. Ich selbst habe aus meiner Zugehörigkeit zum Judentum, sogar'zum Ritual-Judentum, niemals ein Geheimnis gemacht, und während meiner siebzehnjährigen Zugehörigkeit zum deutschen Osfizierkorps, dem ich heute noch angehöre, hatte ich niemals unter einer Taktlosigkeit, niemals unter einer