Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Der Organismus des Judentums von Dr. Jakob Fromer [Rezension]
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 726 (sequence 4)
- Language
- German
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726 Im beutfdfyen Reich. ernst genommen worden [et, und er weiß doch nichts Besseres an ihre Stelle zu setzen als leere Reden und gewagte Schlußfolgerungen. In dem Kapitel über das Ghettojud-entum sollte mau vor allem ein volles, wahres Bild der Verhältnisse erwarten, ist doch dieses Milieu die Heimat des Verfassers. Der Verfasser bezeichnet als Haupt- und Grundtugeirden der Ghettogemeinde Gelehrsamkeit und Frömmigkeit. Gr meint, das feien untrennbare Begriffe, gewöhnlich hebe man nur die Gelehrsamkeit hervor; soll die Frömmigkeit des Gelehrten betont werden, „so nennt man ihn Jere Schamajim (gottessürchtig), koscherer Jud', Zaddik Zromm)". Das alles ist unrichtig. Ein koscherer Jud' und ein Jere Schamajim muß nicht ein gelehrter Mann, sondern kann auch ein einfacher Jude sein, desgleichen der Zaddik, was denr Sinne nach nicht bloß frommer, sondern vollkommen tugendhafter Mensch bedeutet; redet man doch auch von einer Zaddekes(te), also einer Frau, der man gewiß keine Talmudgelehrsamkeit zujchreiben kann. Ferner ist in Wahrheit der Zaddik der am meisten verehrte; Gelehrsamkeit gilt wohl als ein wichtiger Vorzug, aber nicht als der einzige. Falsch ist es ferner, einen Ben Tora denjenigen zu nennen, „der sich mit der Lehre besaßt", es ist vielmehr ein solcher, der in der Lehre heimisch und tüchtig ist, sich zu ihr wie ein wahres Kind zu seinen Eltern verhält. „Bal Bajit (Hausbesitzer genannt)", diese Erklärung gehört geradezu in ein Witzblatt. Bajit hat in Wahrheit auch die Bedeutung von Familie, z. B. Bet Jacob, man spricht ja auch vom Hause Hohenzollern. Bal Bajit heißt also würdiger Hausherr und Familienvater. Er gehört auch nicht zur Gattung der „Frommen Ungelehrten", denn er steht begrifflich zur Gelehrsamkeit nicht in einem negativen, sondern in einem positiven, wenn überhaupt in einem Verhältnisse. Bezeichnungen, die zu den wichtigsten gehören, fehlen in dieser Darstellung des Ghettojudentums: Im Gegensatz zu Lamdan steht der Am ha-Arez, der rohe Unwissende, von dem überhaupt nicht die Rede ist, ebenso fehlt in der Abteilung „Frevler" der gewöhnlichste Volksausdruck dafür, nämlich „Rascha". Auch die Frau (Bal Bajit(ste) eigentlich Balat Ha-Bajit, Eschet Chajil) findet keine Berücksichtigung. Im Kapitel: „die Ge-