Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- Der Organismus des Judentums von Dr. Jakob Fromer [Rezension]
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 725 (sequence 3)
- Language
- German
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Bücherschau. 725 heran, welcher den Aufbau des Judentums zu errichten unternimmt. Doch schon der Anfang fordert zum Widerspruch heraus. Mit Unrecht ist die von der Gegenwart ausgehende Methode hier zur Anwendung gebracht. Gewiß, die Naturwissenschaft bedient sich ihrer, aber nur, wo. es gilt, noch existierende Gebilde in ihren heutigen Zuständen zu erforschen, Stein, Pflanze, Tier in ihren Teilen, Eigenschaften und Zusammenhängen zu beleuchten; ich kenne aber keinen wahren Historiker, welcher z. B. die Geschichte Deutschlands mit der Schilderung der jetzigen Kultur dieses Landes beginnen wird, es sei denn, daß er in der Einleitung kurz darauf Bezug nimmt. Der Verfasser will wissenschaftlicher als die ganze übrige Wissenschaft sein und wird dadurch unwissenschaftlich. Aeltere Zeiten müssen aus sich heraus verstanden werden; wer die heutige zum Ausgangspunkt nimmt, der gerät in die Gefahr, vieles, was er da findet, in die Vergangenheit künstlich hineinzutragen. Oder glaubt der Verfasser wirklich, daß die Charaktere unter den Hebräern der Nomaden- und Ackerbauzeit mit denen der heutigen Ghettojuden eine so erhebliche Verwandtschaft anfweisen, daß eine Abteilung berechtigt wäre? Die Folgen eines solchen verkehrten Verfahrens sind nicht ausgeblieben. Der Stammvater Abraham erscheint in unserem Buche im Lichte eines Ghettofrommen, und doch wird erklärt, er sei tapfer, ritterlich und dem Feinde gegenüber verschlagen gewesen; ein Chasid d. h. ein „außergewöhnlich Frommer oder Schwärmer" .ist der israelitische Prophet; der Typus des Unfrommen ist Esau, jedoch der Verfasser zählt zu dieser Gattung auch den modern Gebildeten, den Kulturmenschen. Auf diesem Wege kommen Bilder zustande, welche ganz schief sind und sicher begründete, in jahrzehntelanger wissenschaftlicher Arbeit immer von neuem erprobte Anschauungen als falsch hinstellen. Wie dabei mit den literarischen Gegnern verfahren wird, davon liefert einen köstlichen Beweis der Streit gegen die Ansicht Abraham- Geigers von den Sadduzäern (S. 215 ff.). Der Verfasser nennt fein Quellenmaterial dürftig und unzuverlässig, die Beweisführung ebenso grotesk wie die Sache, die bewiesen werden soll, er findet es unbegreiflich, daß die Geigersche Anschauung bisher von den hervorragendsten Vertretern der Wissenschaft