Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 686 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2316602-2316779-2316790--19755-2342583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
686 Im deutschen Reich. wird man nur bei den Judenfeinden, den Antisemiten, Nachweisen können. Nun meinen die „Kreuzzeitung" unb die ihr nahestehenden Zentrumsblätter bei ihren Angriffen gar nicht wirkliche Judenblätter; sie benutzen nur das in vielen Ungebildeten ltocf) vorhandene Borurteil gegen Juden, um darnit die von Freireligiösen, Dissidenten und Konvertiten redigierte Presse, die den größten Leserkreis in Deutschland hat, empfindlich zu schädigen. Diesen Zweck erreichen sie aber nicht; sie kränken damit nur ungerechterweise eine staatsfreundliche Bevölkerungsminderheit, und tun der ihnen verhaßten, vermeintlichen „Judenpresse" nicht den geringsten Abbruch. Wenn die Zahl der Dissidenten" in Deutschland fortwährend zunimmt, so tragen gerade die Männer die Schuld, die in der kirchlich gesinnten Presse, in den Synoden, bei Parteitagen und anderen Gelegenheiten darüber Jcremiaden anstimmen. Wenn in Deutschland der Staat nicht auf die Taufprämien verzichtet, der Jude auch, wenn er noch so befähigt ist, Anstellungen, Beförderungen und soziale Gleichstellung oft genug nur erlangen kann, sobald er seine religiöse Ileberzeugung verleugnet und dann etwas öffentlich bekennt, was er nicht glaubt, wird die offizielle und private „Mission in Israel" nur dazu beitragen, bic christliche Bevölkerung mit einen: Stoff zu legieren, der weder christlichnoch jüdisch-religiös ist. Die Betreffenden schädigen die neue Glaubensgemeinschaft mehr als die alte. Noch verblendeter sind die Konservativen, wenn sie durch Angriffe auf die jüdische Religion und ihre Bekenner dem Staat sowie der Kirche zu dienen glauben, wenn sie Rassenfanatikcr, wie Chamberlain, Gobineau u. a. m., als Weisheitsquellen und antisemitische Wotansanbeter als Stützen von Thron und Altar betrachten. Weit erfolgreicher als eine Handvoll jüdischer Konvertiten, weit wirksamer als Heines recht wenig geschmackvolle Scherze über „Kaddikch" und „Messe" haben die „alldeutschen Chauvinisten" durch ihre Verherrlichungen des altgermanischen Heidentums, durch ihre Herabwürdigungen des die Grundlage des Neuen Testaments bildenden Alten Testaments, durch ihre „Jülfeste", durch die Versuche, den Stifter der christlichen Religion zu germanisieren, und durch ihre Spötteleien über den jüdischen Einschlag im Christentum den Massen den frommen Kindes-