Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 682 (sequence 3)
- Language
- German
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682 Im deutschen Reich. konnten, eine so gefährliche und so wenig staats freundliche Bewegung Zur Niederhaltung der für bürgerliche Freiheit kämpfenden Parteien und der wachsenden Ansprüche des Arbeiterstandes zu benutzen. Für die Kurzsichtigkeit der staatserhaltenden politischen Parteien, die lange Jahre hindurch das ,Treiben von Leuten begünstigten, die einer unverkennbar destruktiven Tendenz huldigten, wird man kaum Verständnis haben. Aber schon jetzt hätte man Grund genug, einzusehen, daß mit dem homöopathischen Satz ..sinülia sürnstdus" fn der Politik nichts geschafft wird, daß es vielmehr Kurpfuscherei war, antisemitische Anarchisten zu Kampfgenossen .gegen die Sozialdemokratie zu machen. Langsam dämmert es jetzt auch in den konservativen Kreisen, in denen man bisher glaubte, zu ernten, wo die Antisemiten gesät hatten, und man nimmt mit Schrecken wahr, daß ganz im Gegenteil Hort der Weizen der Sozialdemokratie blüht. Der Ausfall 5er sächsischen Lanötagsrvahlen ist der beste Beweis dafür, daß die Konservativen sich gründlich verspekuliert haben, als sie den. Liberalismus und die Sozialdemokratie dadurch zu vernichten glaubten, daß sie .Sentc .beschützten, die Sachsen zu einem Dorado der Antisemiten machen wollten. Das war um so 'widersinniger, als Sachsen ein Land ist, in dem die Juden auch heute noch nur einen kleinen Bruchteil der Gesamtbevölkerung bilden und nicht den geringsten Anlaß zu antisemitischen Anfeindungen geben, sondern vielmehr wirtschaftlich ein vorzugsweise auf inbirftrierte Tätigkeit angewiesenes Land fördern helfen. In einem solchen Lande mußten die agrarischen Ueb er griffe, die neue schwere Belastungen des Mittelstandes, insbesondere der gewerblichen Kreise bewirkten, unb eine Zollpolitik, die unsere Exportindustrie empfindlich schädigt, einen vollständigen Stimmungswechsel herbeiführen. Und Aehnliches hat sich auch in Bad cn vollzogen. Die gesamte deutsche konservative Presse verkennt keineswegs den Ernst der Lage, aber die Hintermänner der ,,Kreuzzeitung" und der ,,Deutschen Tageszeitung" sind doch noch weit davon entfernt, den Rückzug anzutreten und sich zu einer „großzügigen, positiven, versöhnenden Tat" zu entschließen, wie sie der konservative „Reichsbote" als unerläßlich bezeichnet hat, um die jetzige