Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-12-01
- Page
- 681 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 681 Minderheit, sondern vor allem -ein Kampf zu Nutz und Frommen der Gesamtheit, des Vaterlandes, denn — „Antisemitismus ist Anarchismus!" Der Redner hatte vorher darauf hingewiesen, daß von dem Anarchismus gesagt worden sei, daß er eine Instanz nach der andern angreife und herabzerre, die für die menschliche Gesellschaft Wert habe. Lege man diesen Maßstab an den Antisemitismus, so werde man dasselbe finden. Die Antisemiten hätten sich nicht damit begnügt, gegen eine angeblich jüdische Geheimlehre zu zetern und den Gott der Juden und das Alte Testament abzulehnen. Paul Lagarde, Dühring, vr. Lange u. a. antisemitische Schriftsteller hätten kaum minder gegen das Christentum geeifert, es mehr oder minder deutlich als eine „Verjudung der Menschheit" dargestellt und den heidnischen Wotansglauben als das Bessere gepriesen. Wie zuweilen die Antisemiten mit Unrecht als Stützen der Religion betrachtet worden seien, so hätten sie sich auch als höchst zweifelhafte Monarchisten erwiesen, denn wie Stöcker im Bunde mit Hammerstein durch eine Hintertreppen-Politik den Kaiser für sich zu gewinnen dachte, wie bitter die Antisemitenpresse die Entfernung Bismarcks vom Amte besprach und andere Handlungen des Monarchen bespöttelte, das zeugte wenig von Achtung vor dem Herrscher. Die öffentlichen Urteile der Antisemiten über die Staatsverwaltung, sowie über die gesamte Staats- und Gesellschaftsordnung, insbesondere auch, über die jetzige deutsche Rechtspflege, die sie.als „jüdisch-römisch" bezeichneten, haben tatsächlich in zufriedene bürgerliche Kreise weit mehr Unzufriedenheit hineingetragen, als es je erklärte Anarchisten durch Brandreden erreicht haben. Selbst die Heeresverwaltung haben sie durch ihre Verhetzungen geschädigt, denn für diese war der Judenflintenprozeß eine offene Diskreditierung, die Beschimpfungen jüdischer Soldaten, die Aufreizungen zum Ungehorsam gegen jüdische Unteroffiziere und Verhöhnilngen der von Juden abstammenden christlichen Offiziere aber eine in ihren Folgen nicht zu unterschätzende Schädigung der militärischen Disziplin. Künftige Geschlechter werden es deshalb kaum verstehen, wie sonst staatskluge Politiker auf den Gedanken kommen