Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Der Antisemitismus in der deutschen Aerzteschaft
- Date
- 1909-11-01
- Page
- 620 (sequence 4)
- Language
- German
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620 Im deutschen Reich. wieder die christlichen Standesvereine ihre Abneigung gegen die jüdischen Standesgenossen,' wenn es sich um die Erringung materieller Vorteile handelt. Dann werden paritätische Versammlungen veranstaltet und Aktionen vorbereitet, bei denen man sich die tatkräftige Arbeit der Juden gern gefallen läßt. Es ist also die Tatsache nicht abzuleugnen, daß der Antisemitismus in der Aerzteschaft festen Fuß gefaßt hat und daß er sich nicht nur in der passiven Form als der übliche gesellschaftliche Boykott äußert, sondern daß er auch recht positive Ziele verfolgt. Man wird sich allerdings vorläufig mit der Konstatierung dieser Tatsache begnügen müssen, ohne den jüdischen Aerzten sogleich einen geeigneten Weg zu einer wirksamen Gegenaktion zeigen zu können. Der Aerztestand befindet sich gerade jetzt vor der Lösung so wichtiger Fragen ethischer und wirtschaftlicher Natur, daß die Sezession der jüdischen Aerzte sowohl von ideellen wie auch von materiellen Gesichtspunkten aus eine Unmöglichkeit wäre. Aber sobald diese Momente ausgeschaltet sein werden — und die Zeit kann nicht mehr fern sein —, dann sollen doch endlich einmal die jüdischen Aerzte aufhören, sich weiter als Schrittmacher für die Vorteile ihrer christlichen Kollegen benutzen zu lassen; dann sollen sie laut fordern, daß mit den allen Begriffen von Kollegialität hohnsprechenden antisemitischen Bestrebungen aufgeräumt wird, wenn man sich nicht der doch recht wertvollen Bundesgenossenschaft mit den jüdischen Aerzten entäußern wolle. Wenn man sich nicht von einem Juden vertreten oder assistieren lassen will, wenn man sich scheut, ihm gesellschaftlich näher zu treten, dann soll man sich auch nicht wirtschaftlich von ihm helfen lassen. Sehr wirksam würde auch das alte Mittel sein, das auf anderen Berufsgebieten durch die treffliche Organisation des Central-Vereins schon oft mit gutem Erfolge angewandt worden ist; man müßte dem Antifemitenrummel vieler der Herren Kollegen, der ja nur auf eine schwere wirtschaftliche Schädigung der jüdischen Aerzte hinausläuft, mit ganz entsprechenden Gegenmaßregeln begegnen. Der jüdische Arzt müßte sich prinzipiell nur einen jüdischen Vertreter oder Assistenten nehmen; die jüdischen Familien dürften ihr Vertrauen nur einem jüdischen Hausarzt schenken, wo bei Krankenkassen, Berussgenossenschasten usw. jüdischer