Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Der Antisemitismus in der deutschen Aerzteschaft
- Date
- 1909-11-01
- Page
- 619 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Antisemitismus in der deutschen Aerzteschast. 619 Friedens keinen Unterschied zwischen Juden und Christen machen würden. Aber man wird bald eines Besseren belehrt, wenn man in den „Aerztlichen Mitteilungen", dem Organ des „Leipziger Wirtschaftlichen Verbandes der Aerzte Deutschlands", die Abteilung für S t e l l e n v e r m i t t l u n g aufschlägt. Dreiviertel derer, die Vertreter, Assistenten usw. suchen, wünschen christliche Aerzte (in letzter Zeit ist, weil es eben Aergernis bei den jüdischen Aerzten erregte, das Wort „Christ" durch den Zusatz „Angabe der Konfession" ersetzt worden); das übrigbleibende Viertel, bei dem dieser Zusatz fehlt, besteht wohl fast ausschließlich aus jüdischen Aerzten. — Aus den angeführten Tatsachen geht mit absoluter Klarheit hervor, daß viele christliche Aerzte zwar ihre jüdischen Kollegen als Bundesgenossen im Kampf um materielle Vorteile gern in ihren Reihen sehen, daß sie sie aber in ihrer beruflichen Betätigung nach Kräften auszuschalten versuchen und sie dadurch von dem Genuß der gemeinschaftlich erkämpften Vorteile fernhalten. Man wende nicht immer ein, daß bei denjenigen christlichen Aerzten, die nur christliche Vertreter und Assistenten suchen und nehmen, in diesem Moment weniger eine parteipolitische Aeußerung zu erblicken sei als die Rücksicht auf ihre Klientel. Das ist purer Unsinn; denn einerseits ist es eine allgemein bekannte Tatsache, daß selbst enragierte Antisemitenhäuptlinge mit Vorliebe jüdische Aerzte konsultieren und andererseits sind die Leute auf dem Lande, wo es sehr häufig überhaupt nur einen Arzt gibt, sehr froh, wenn ihnen dieser — und mag er Mohammedaner oder Buddhist sein — in Krankheitsnot Hilfe bringt; zur Erhärtung dieser Tatsachen stehen dem Verfasser zahlreiche persönliche und anderer jüdischer Aerzte Erfahrungen zur Seite. Ein noch traurigeres Kulturdenkmal bildet das ärztliche Vereinswesen in Berlin. Hier finden wir eine strenge Scheidung in paritätische — d. h. in der Hauptsache jüdische — und in christliche Standesvereine. Als sich einmal ein jüdischer Arzt aus Unwissenheit an einen der christlichen Standesvereine mit der Bitte um Aufnahme wandte, da wurde ihm mitgeteilt, daß er sich vermutlich in der Adresse geirrt und jedenfalls den andern (nämlich den jüdischen. Der Berf.) Bezirksverein gemeint habe. Natürlich überwinden auch hier