Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 11 (November 1909)
- Article
- Der Antisemitismus in der deutschen Aerzteschaft
- Date
- 1909-11-01
- Page
- 618 (sequence 2)
- Language
- German
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618 Im deutschen Reich. in Deutschland kein jüdischer ordentlicher Professor mehr in den medizinischen Fakultäten ernannt worden. Sehr unangenehm machte sich dieser Antisemitismus in den Fakultäten für den medizinischen Nachwuchs bemerkbar. Während, es z. B. früher in Berlin, als noch vorurteilslose Männer wie v. Leyden, v. Bergmann und Gusserow der medizahl von jüdischen Assistenten bei den medizinischen Universitätsinftituten gab, schmilzt ihre Zahl in der neueren Zeit immer mehr zusammen. Unter ca. 150 etatsmäßigen Assistenten, denen sich überhaupt eine Aussicht auf Univer- „sitätskarriere bietet, befinden sich jetzt noch im ganzen fünf; es soll auch unter der derzeitigen Konstellation keine Aussicht bestehen, daß jüdische Aerzte in etatsmäßige Assistentenstellen aufrücken, es sei denn, daß sie neben ihrer medizinischen Genialität erst durch einige Tropfen Weihwasser — was übrigens leider bei den Berliner jüdischen Assistenzärzten nicht selten vorkommt — auch noch den Beweis wackerer Gesinnungstreue erbringen. Sehr traurig ist das Kapitel, das von der soviel besungenen und durch ein Ehrengericht überwachten Kollegialität handelt, soweit sie das Verhältnis zwischen Aerzten jüdischer und christlicher Religion betrifft. Zum genaueren Verständnis feien hier zunächst einige allgemeine Bemerkungen vorausgeschickt. Die Mehrzahl der deutschen Aerzte ist heute nicht auf Rosen gebettet; zu dem an und für sich schon schweren Beruf gesellen sich auch wirtschaftliche Bedrängnisse, die ihrerseits wieder zu deprimierenden Demütigungen und eifersüchtigen Rangstreitigkeiten, ja auch zu unwürdigen Mitteln bei der Eroberung einer Existenz führen. In den letzten Jahren hat sich nun die Aerzteschaft zu einem lebhaften wirtschaftlichen Kampf zusammengetan, und unter 'den Führern der Kämpfenden befinden sich zahlreiche angesehene jüdische Aerzte. Gerade sie haben diesen Kampf mit schweren wirtschaftlichen Nachteilen bezahlen müssen. Insbesondere in Berlin haben hierbei vor mehreren Jahren zahlreiche jüdische Aerzte schwere, nicht mehr, zu heilende Wunden an ihrer Existenz davongetragen. Und nun sollte man doch erwarten, daß die christlichen Berufsgenossen, wie sie in Kampfeszeiten Schulter an Schulter mit ihren jüdischen Kollegen gestanden haben, so auch in Zeiten des