Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-10-01
- Page
- 568 (sequence 3)
- Language
- German
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568 Im oeutschen Reich. „Ketten". erzielte, ist auf die Lebenswahrheit zurückzuführen, daß noch fast jeder, der die Dornenkrone des alten Stammes sich vom Haupte gerissen hat, am Ende unter Schmerzen bekennen muß, daß die selbstgewählten „neuen Ketten" ihn tiefer ins Unglück zogen als die mitunter schweren Bande des alten Glaubens und der Familie. Insbesondere in den Offizierskreisen sind die Ketten des Vorurteils noch so fest gespannt, daß das „Hamburger Fremdenblatt" leider mit Recht sagt: „In Preußen hat es jüdische Offiziere in den Kriegen 1813 und 1870 gegeben — das war damals. Heute sind die Zustände wieder nach dem Herzen der „Kreuz-ztg." eingerichtet, und es wird wohl noch eine geraume Zeit dauern, bis des Kaisers Gesinnung eine Bresche legt in die junkerliche Phalanx, die sich jedem Eindringen neuzeitlicher Anschauungen in die Praxis des Heereswesens entgegenwirft." Die mit der „Kreuzzeitung" übereinstimmende agrarische „Deutsche Tageszeitung" hat in einem Artikel „Offizier, Politik und Konfession" nachzuweifen versucht, daß eine alte Kabinettsorder, nach der für den Offiziernachwuchs nur christliche Familien in Betracht kommen können, noch bestehe und nicht verfassungswidrig sei. Auf die antisemitische spitzfindige Auslegung der klaren Bestimmungen der Verfassung unb der Mißachtung des Gesetzes vom Jahre 1869 braucht man nicht einzugehen. Steht eine Kabinettsorder in Widerspruch mit einem Reichsgesetz, so hat sie nach gesetzlicher Vorschrift insoweit ohne weiteres ihre Rechtsbeständigkeit eingebüßt. Und überdies: was ein Monarch vor einer Reihe von Jahren dekretierte, kann ein von besseren Ratgebern umgebener und neuzeitlichen Anschauungen zugänglicher oberster Kriegsherr jederzeit durch eine neue Kabinettsorder widerrufen. Gegen eine solche wird sich kein noch so vorurteilsvoller preußischer Offizier zu rühren wagen; außerdem gibt es im deutschen Heere sicher viele gebildete Offiziere, denen heute schon die Ketten mittelalterlicher Vorurteile lästig sind. Schon einmal war die „Kreuzzeitung" aus dem preußischen Königsschlosse verbannt; die frondierende Haltung dieses reaktionären Blattes bei der Reichsfinanzreform laßt es möglich erscheinen/ daß die Tage nicht mehr fern sind, in denen die Zustände in Preußen nicht' mehr nach dem Herze): der