Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-10-01
- Page
- 567 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. Staat sich nicht dazu aufschwingen können, sich selbst von den Ketten des religiösen Vorurteils Zu befreien und auch die ihr untergeordneten Kräfte dazu anzuhalten, daß sie diese für einen Kultur- und Rechtsstaat unwürdige und schädliche Last abwerfen. Bekundete die Staatsleitung dazu den festen Willen und ginge sie dort, wo man in der Zi.vilverwaltung, im Heer unb in der Marine diese rostigen Ketten just als ehrenden Schmuck betrachtet, mit einem „Quos cgo!" vor, dann würde das gesamte deutsche Bürgertum aus einer Sackgasse und die Juden aus einem Ghetto herauskontmen, dessen Schranken trotz der feierlichsten Zusagen noch nicht völlig niedergerissen sind. Solange die maßgebenden Kreise nicht mit dem religiösen Vorurteil brechen, wird auch in den Kreisen, in denen der angeerbte Kastengeist tief wurzelt, hex Raffenöünkel nicht schwinden. Zwar haben es bereits in früheren Jahrzehnten in Preußen tüchtige Männer jüdischer Abstammung unter Verzicht auf den angestammten Glauben zu den höchsten Stellungen im Zivildienst und im Heere gebracht, sind Minister oder Generäle usw. geworden, und ein früherer Jude hat als der erste Reichsgerichtspräfident in hohen Ehren gestanden, aber die Mehrheit des Junkertums hat auch damals seine Vorurteile nicht abgelegt. Seit aber die Afterweisheit H. S. Chamberlains und anderer chauvinistischer Rassenfanatiker weite Verbreitung gefunden hat, sind die Kreise des Geburtsadels und Angehörigen eines Elite-Regiments oder eines vornehmen Korps zu irgendwelcher Zurückhaltung nicht mehr gezwungen. Die teuer erkauften Errungenschaften der getauften Juden sind deshalb längst nicht mehr beneidenswert. Die mißliche Lage der Taufjuden bildet bereits einen ergiebigen Stoff für Romanschreiber und Trauerspieldichter, hoffentlich aber auch eine ernste Warnung für jüdische Eltern, die den Lebensweg ihrer Kinder zu ebnen glauben, wenn sie diese sich und dem väterlichen Glauben durch die Taufe entfremden. Der starke Erfolg, den das im Deutschen Theater aufgeführte Drama Hermann Reichenbachs,