Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 15 (1909)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1909)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1909-10-01
- Page
- 566 (sequence 1)
- Language
- German
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566 Im deutschen Reich. ^?^ie deutschen Inden sind trotz mancher trübseligen Wahrnehmung unverwüstliche Optimisten geblieben; sie leben der Ueberzeugung, daß der Kern des deutschen Volkes gesund ist und die NachkrankheiLen der antisemitischen Influenza glücklich überwinden wird, weil die Vorurteile gegen die Juden sich durch die üblen Erfahrungen, die von den Angehörigen des Mittelstandes mit den antisemitischen Weltbeglückern gemacht wurden, wesentlich verringert haben. Diese Vorurteile wurzeln fast nur noch in den Schichten, deren Kastengeist und Rassendünkel auch den christlichen Bürger verletzt und in jenen Kreisen, in denen man den Staat lediglich als eine .Versorgungsanstalt für solche betrachtet, die für einen selbständigen Erwerb keine Mittel oder keine Fähigkeiten oder auch nur keine Spur von Unternehmungsgeist haben. Der freie christliche Bürger kann es nicht mehr verkennen, daß der Kastengeist, der in den letzten Jahrzehnten in bedauerlicher Weise zugenommen hat, ihm ebenso hinderlich ist wie seinem jüdischen Mitbürger, und daß es auch für ihn eine Lebensfrage geworden ist, indem er durch seine politische Haltung und Tätigkeit die Gleichberechtigung der Juden verwirklichen hilft, zugleich seine eigene Gleichberechtigung zu wahren und sich selbst gegen weitere kulturelle und soziale Zurücksetzungen zu schützen. Das kann er nur, wenn er sich von solchen Elementen absondert, die Klassen- oder Rassen- oder Religionshaß verbreiten ilnd damit bewußt oder unbewußt den Kastengeist fördern und den Staat verhindern, die befähigsten Kräfte für den Dienst der Allgemeinheit zu verwenden und nicht nur durch die Quantität das zu leisten, was bei bloßer Berücksichtigung der Qualität mit weit geringerem Aufwand von Geld und Mühe zu leisten wäre. Wie weit die deutschen Juden dabei in Betracht kommen? Die Staatsverwaltung in Deutschland hat indirekt den Wert der bei ihnen häufig vorhandenen Intelligenz vielfach anerkannt, ohne sich um die Bedenken der Rasseantisemiten zu kümmern, aber unter dem Banne der Stahl-Schlesingerschen Fiktion vom Christlichen